Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der ehristlichsozialen Bewegung in Österreich 477 30. April 1877 der mit soviel Skepsis erwartete Katholikentag im Wiener Musikvereinssaal doch von Graf Pergen eröffnet werden. Graf Egbert Belcredi wurde zum Präsidenten gewählt, Freiherr von Gagern übernahm die Sektion „Katholisches Leben“ 90). Das bedeutendste Ereignis dieses Katholikentages war jedoch die große Rede des Prinzen Aloys Liechtenstein über die soziale Frage91). Trotz des eindeutigen Erfolges konnte aber der sowohl für 1878 wie für 1879 geplante zweite österreichische Katholikentag wegen politischer Span­nungen unter den Katholiken nicht abgehalten werden. Diese von den Freunden Pergens, des ständigen Kommissärs aller österreichischen Katho­likentage bis 1893 92), sehr bedauerte Verschiebung veranlaßte den Rhein­länder Otto von Dahmen93), der wegen seines starken Engagements im deutschen Kulturkampf Zuflucht in Österreich suchen mußte, zu einer eingehenden Kritik des katholischen Lagers in diesem Land. Dahmen bedauerte dabei vor allem das Fehlen einer schlagkräftigen katholischen Partei: „Zur Organisation der Katholiken in Österreich als Partei scheint es mir vor allem notwendig, prinzipiell alle politischen Parteifarben zu ignoriren, vielleicht sogar die sociale Frage als eine dubia ganz offen zu lassen. — Ich kann mich sehr wohl der Kämpfe erinnern, die ich in Berlin im Jahre 1868—1870 durchzumachen hatte, um die Centrums- fractionsbildung zu ermöglichen, wo ich dafür eintrat, daß wir Alle, welche in kirchlichen Fragen auf dem römisch katholischen Grunde stehen, auf­nehmen, gleichviel ob es Conservative, Liberale, Republikaner oder Monar­chisten seyn mögen, und den Leuten vollste Freiheit des Votums in allen nicht kirchlichen Fragen gestatten. Und der Erfolg zeigte, daß dieß die richtige Praemisse für die Parteibildung gewesen und die römisch katho­lische Schulung ganz merkwürdige Correctivkraft auf politischem Gebiet äußerte, und Conversionen zu Tag förderte, an die man sonst nie hätte den­ken dürfen. — Einer der wichtigsten Punkte aber, der bisher nicht die nöthige Berücksichtigung fand, scheint mir ferner die Umgebung der Bischöfe zu seyn. — Solange unsere Domcapitel nur eine Veteranen­compagnie invalider alter Landpfarrer sind, kann selbst ein erleuchteter Kirchenfürst schwer regieren — es sey denn — ein Rudigier!“ Trotz der zweifellos auch vorhandenen Positiva wie der guten Gesinnung des Kaisers, der Katholizität des Volkes in seiner Masse und des Echos des letzten Katholikentages sei alles in allem genommen die Lage in Deutschland 99 99) Celerin a. a. 0„ S. 42 ff. 91) Schmitz a. a. 0„ S. 44 f. 92) Celerin a. a. 0„ S. 163. 93) Otto von Dahmen (1826—1896), bis 1863 großherzogl. badischer Land­tagsabgeordneter, hatte die großdeutsche Presse in Süddeutschland im öster­reichischen Sinn geleitet. Kab. Kanzlei ZI. 4729/1870, Haus-, Hof- und Staats­archiv Wien.

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