Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
478 Erika Weinzierl-Fischer günstiger, weil dort die „harte aber heilsame Cur des Culturkampfes“ eine Reinigung an Häuptern und Gliedern vollzogen habe94 * *). Die in der sonst scharfsichtigen Kritik Dahmens geäußerte Skepsis gegenüber der Bedeutung der sozialen Frage für die katholische Parteibildung ist übrigens eine wesentliche Wurzel des die folgenden Jahre und Jahrzehnte überschattenden Zwiespaltes im österreichischen Katholizismus. Jene Männer, die sich mit besonderem Elan der sozialen Frage widmeten, erregten von Anfang an in den eigenen Reihen ein gewisses Mißtrauen, selbst dann, wenn die von ihnen vertretenen Ideen zunächst noch gutgeheißen wurden. So hat z. B. Graf Heinrich Brandis »»), der Präsident des katholischen Volksvereines von Oberösterreich, zwei Tage nach der ersten großen Rede Aloys Liechtensteins vom 18. Mai 1875 9a) Pergen gegenüber folgendes geäußert: „Wenn die Rede des Alois Liechtenstein ganz und gar in seinem Garten gewachsen ist, so muß ich ihn wahrhaft bewundern, so jung noch und so gediegene Sachen hervorzubringen...“ 97). Karl von Vogelsang, der Mecklenburger Konvertit, hatte von vornherein mit gewissen Ressentiments zu rechnen. Selbst Pergen, der seit November 1875 mit ihm korrespondierte, hielt es noch im Frühjahr 1876 für notwendig, bei seinen deutschen Freunden Erkundigungen über Vogelsang einzuholen. Dabei bezog Freiherr von Loe folgende Stellung: „Er ist ein begabter Mann, aber wir hatten die Meinung von ihm, daß er in preußischer Politik mache“ 98). Daß das „Vaterland“ den Parteibildungen „im sogenannten Deutschland gar zu großen Raum“ gewähre99), fand auch Baron Gagern, der außerdem der Meinung war, Otto von Dahmen habe „gerade die Eigenschaften, die Vogelsang fehlen“ 10°). Eduard Stillfried gab dagegen offen zu, daß ihm für die sozialtheoretischen Bestrebungen Vogelsangs das Verständnis fehle: „Was den volkswirtschaftlichen Club anbelangt, so habe ich nie viel auf ihn gehalten, umsomehr als ich von keinem Resultate erfuhr — aber ich verstehe die Frage zu wenig und Vogelsangs Zeitschrift war mir immer unverständlich, weshalb ich sie schon vor zwei Jahren auf gegeben habe“ 101 *). Anton Pergen dürfte diese Einstellung im wesentlichen geteilt haben, wozu wohl auch die Sorgen beitrugen, die ihm das immer klarer zutage 94) Ostern 1878. Dahmen an Pergen, Depot Pergen. 85) Heinrich Graf Brandis (1820—1900), Mitbegründer und 1. Präsident des o. ö. kath. Volksvereines, Mitglied des o. ö. Landtages und des Abgeordnetenhauses 1873—1890. Wolny a. a. O., S. 453, Till a. a. 0., S. 85. ") Siehe oben S. 97) 1875 V 20. Brandis an Pergen, Depot Pergen. 08) 1876 IV 35. Loe an Pergen, ebendort. ") 1876 XII 3. Gagern an Pergen, ebendort. io«) 1876 VIII 15. Gagern an Pergen, ebendort. id) 1881 III 3. Stillfried an Pergen, Depot Pergen. — Die von Stillfried hier erwähnte Zeitschrift Vogelsangs ist die „Österreichische Monatsschrift für Gesellschaftswissenschaft“ siehe unten S. 479.