Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 473 halten zu haben. Auch lähmte eine längere Krankheit im Winter 1874/75 zunächst den jugendlichen Tatendrang des Prinzen58). Auf jeden Fall ist von der Errichtung einer konservativen oder gar christlich-sozialen Ar­beiterpartei in den späteren Briefen Liechtensteins an Pergen nicht mehr die Bede. Weiterhin befaßt hat sich der Prinz aber mit der sozialen Frage, die er dann mit seiner großen Rede bei der Festversammlung des katho­lisch-politischen Volksvereins für Niederösterreich am 18. Mai 1875 und seiner ebenfalls im Mai 1875 erschienenen aufsehenerregenden Schrift „Über Interessenvertretung im Staate“ in das Blickfeld der österreichischen Katholiken rückte59). In den folgenden Monaten hat Liechtenstein das in seiner Rede vom 18. Mai dargelegte soziale Programm auch den Katholiken Steiermarks, Kärntens, Tirols und Oberösterreichs verständlich zu machen versucht60). Dabei forderte er im Wesentlichen von den Ständen und Be­rufsgenossenschaften ausgehende Sozialgesetze, Umgestaltung der Gewerbe­gesetzgebung und Neubildung eines Arbeiterrechtes. Die ärgste Not müßte durch Errichtung von eigenen Kammern für die Klassen der Hilfsarbeiter, des Kleingewerbes und der Landarbeiter, durch Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit sowie der Arbeitszeit überhaupt und die Sonntagsheili­gung behoben werden. Die soziale Frage müsse „von uns, der katholischen Partei in aller Herren Ländern“ gelöst werden 61). Zu der „katholischen Partei in aller Herren Ländern“, besonders aber zu jener Frankreichs, stand Liechtenstein selbst in direkter Verbindung, ja fungierte sogar als Mittelsmann und Kommentator für Unterlagen über die soziale Frage. Die katholischen Sozialreformer Graf Albert de Mun62) und Charles Humbert Marquis La Tour du Pin 63) waren nach der Nieder­lage Frankreichs gegen Preußen 1871 als Kriegsgefangene nach Metz gebracht worden und lernten dort die Ideen Kettelers ”kennen 64). 1872 gründeten sie zusammen mit Maurice Maignen in Paris den „Cercle Ca- tholique d’Ouvriers“ 65). Die beiden Brüder Liechtenstein traf La Tour 58) 1875 II 24, Liechtenstein an Pergen, Depot Pergen. 59) Schmitz a. a. O., S. 29 und 32. 60) (Sommer 1875). Liechtenstein an Pergen, Depot Pergen. «i) Rede, gehalten in der Festversammlung des katholisch-patriotischen Volksvereins für Niederösterreich am 18. Mai 1875, Wien 1875. — Die früheste in Österreich von katholisch-konservativer Seite publizierte Schrift über die Arbeiterfrage (Bernhard Ritter von Meyer, Die soziale Gefahr der Arbeiterfrage und die Möglichkeit deren Abwendung, 1869) hat nur die Gründung von Pro­duktivvereinen vorgeschlagen (Peter Pohanka, Der soziale und politische Konser­vatismus in Österreich zwischen der Romantik und der Vogelsangschule. Ungedr. jur. Diss. Wien 1952, S. 7 ff.) und dürfte keine weiteren Wirkungen hervorge­rufen haben. °2) Albert de Mun (1841—1914), seit 1876 Abgeordneter. Novotny S. 16 ff. 63) Über die sozialreformerischen Ideen La Tour du Pins (1834—1924) vgl. Maurice Vaussard, Histoire de la Démocratie chrétienne, Paris 1956, S. 48 f. 64) Mario Zanatta, I tempi e gli uomini che preparano la „Rerum novarum“, Milano 1931, S. 27. 65) Novotny a. a. O., S. 15.

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