Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen
474 Erika Weinzierl-Fischer du Pin, der später auch französischer Militarattaché in Wien war66), zum ersten Mal im Kreise Bischof Mermillods in Ferney und blieb von da an mit ihnen in ständigem Kontakt. In ihrer Welt, in einem „milieu particulier, aristocratique et laic“, hat er seine soziale Bildung vollendet67). Wie eng er mit Aloys Liechtenstein in dieser Hinsicht zusammenarbeitete, beweist ein Brief des Prinzen vom Februar 1875: „Latour du Pin hat mir geschrieben, ich möchte ihm das Mainzer sociale Programm übersezt und commentirt senden; sie wollen es in Frankreich berathen und modificirt proclamiren. — Ich habe ihm alles geschickt, und freue mich in der Stille, daß er und wir ungefähr gleichzeitig unsere menschenfeindlichen Theorien der entrüsteten Welt auftischen werden. — Das wird ein Zeter werden über die schwarz-rothe Internationale!“ 68 ) Nach dieser Nachricht ist anzunehmen, daß das noch 1875 erschienene „Reglement Général des Cercles Catholiques d’Ouvriers de Paris“ 69 70) auf den von Liechtenstein übermittelten Unterlagen basiert. Auch die Rede des Prinzen vom 18. Mai 1875 wurde von den Franzosen sofort zur Kenntnis genommen. Der Begründer der Sozialökonomie Frédéric Le Play 7#) schrieb ihm „einen sehr aimablen Brief voller Flattousen“ und der Jurist Nicolet aus Grenoble bat ihn, die Rede zu übersetzen und in der „Revue du droit“ zu publizieren71). Die internationalen Kontakte der katholischen Adeligen Österreichs wurden auch durch die im Sommer 1875 in Bregenz abgehaltene und im Wesentlichen von Pergen und dessen Sekretär aus der Genfer Zeit Joseph Pilat organisierte internationale Katholikenkonferenz72) noch vertieft. Pergen hatte zunächst geplant, diese Jahreszusammenkunft der katholischen internationalen Bewegung in Innsbruck zu veranstalten, doch hatte der Brixner Fürstbischof Vinzenz von Gasser dringend davon abgeraten: „Denn der Bürgerausschuß ist in seiner großen Majorität liberal und Solschen Manifestationen des katholischen Lebens höchst abhold; die städtische Polizei ist natürlich in den Händen des also gesinnten Magistrats; das „Innsbrucker Tagblatt“ wird, so bald es Wind von der Versammlung erhält — was in einer so kleinen Stadt nicht verhindert werden kann — furchtbar Lärm schlagen und Seine Exzellenz der Herr Statthalter wird — milde gesagt — von der Wahl des Ortes nicht sehr erbaut sein. Dazu bekommt die Versammlung, wenn sie in der Hauptstadt des stockfinsteren Tirols stattfindet, ein ultra-ultramontanes Gepräge und zwar in einer Weise, wie es nicht einmal zu wünschen ist“ 73). 66) Zanatta a. a. O. 67) Henri Rollet, L’action sociale des Catholiques en France (1871—1901), Paris 1948, S. 109. os) 1875 II 24. Liechtenstein an Pergen, Depot Pergen. es) Novotny a. a. O., S. 10. 70) Über Le Play (1806—1882) bes. Rollet a. a. 0„ S. 104. 71) (Sommer 1875). Liechtenstein an Pergen, Depot Pergen. 72) 1875 VII 20. Pilat an Pergen, Depot Pergen. 73) 1875 VII 17. Gasser an Pergen, Depot Pergen.