Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

416 Hans Wagner touche, die in dem Verhältnis Sigunes zu Peredur mehr das Poetische als das Sinnliche hervortreten ließe ... Noch vergaß ich zu erwähnen, daß es höchst wünschenswerth wäre, die Person des Lanzelot ganz verschwinden zu lassen“ 10?). Diesen Änderungen konnte Fulda natürlich nicht Folge lei­sten, zumal die Berliner Zensur das Stück ohne jeden Strich genehmigt hatte. Er berief sich dabei auf das Urteil Max Bernsteins, der in diesem Dilemma vom Autor zu Bate gezogen worden war. Bernstein schrieb: „Den Lanzelot wegzulassen und Peredur sogleich und ohne weitere Schwierig­keiten zum König zu machen — das halte ich für unmöglich. Es ist kaum zuviel, wenn man sagt: Das macht das ganze Stück unverständlich. Ich kann mir aber nicht denken, daß die Wiener Censur s o ängstlich ist, den Lanzelot überhaupt nicht zuzulassen. Im Zeitalter der Duma!“ * 108). Da nach der Berliner Uraufführung das Wiener Fremdenblatt überdies von einer satirischen Spitze gegen das Gottesgnadentum sprach 109) und eine Ände­rung des Schlusses den im Buch jedermann zugänglichen Originalschluß noch unterstreichen mußte, wurde von einer Aufführung im Burgtheater abgesehen. Im Mai 1907 wurde das Stück dann von Berliner Lessingtheater im Theater an der Wien gegeben. Der Schutz des Legitimitätsprinzips leitet zu politischen und s o- z i a 1 e n Beweggründen über. Ausdrücke wie „Böhmacken-Bande“ konnten im Vielvölkerstaat nicht gebraucht werden110 *). Auf die Würde des Parla­ments hat Fürst Montenuovo bei Bahrs „Apostel“ besonders Bedacht ge­nommen. Aus Sudermanns „Es lebe das Leben“ wurden Anspielungen auf die Politiker Eugen Richter und Wilhelm Liebknecht entfernt m). Vor allem war die soziale Ordnung zu schützen. Das Lustspiel „Unser Käthchen“ von Theodor Herzl war von der Zensur genehmigt worden, obwohl Herzl die Ar­beiterszene am Beginn des vierten Aktes nicht streichen wollte112). Katha­rina Schratt war für die Doppelrolle vorgesehen. Am 7. Jänner 1899 teilte jedoch Plappart dem Direktor mit, daß verschiedene, ihm nachträglich auf­gestiegene Bedenken, besonders wegen des letzten Aktes, ein Einschreiten beim ersten Obersthofmeister Liechtenstein notwendig gemacht hätten, der dann die Aufführung untersagt habe 113). Ob es wirklich nur „sozialistisch klingende Wendungen“ waren, die eine Aufführung verhindert haben 114), oder ob andere Intrigen dahintersteckten, muß dahingestellt bleiben, da >07) Schreiben an Schlenther vom 2. VII. 1906, ebenda. 108) Brief des Schriftstellers, Rechtsanwalts und Theaterkritikers der „Münchner Neuesten Nachrichten“, zitiert von Fulda in seinem Schreiben an Schlenther vom 31. VII. 1906, ebenda. 109) Telegramm Schlenthers an Fulda vom 2. XII. 1906, ebenda. 110) Gestrichen aus Schönthans und Koppel-Elfelds „Renaissance“, ebenda Kart. 5 Nr. 138. "O Jettel an Schlenther vom 1. I. 1902, ebenda Kart. 6 Nr. 142. 02) Herzl an Schlenther vom 13. X. 1898, Bg. Th. ZI. 345/M. J. ex 1898. us) Bg. Th. ZI. 898 ex 1898. 114) Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1965.

Next

/
Oldalképek
Tartalom