Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 417 Schlenthers Korrespondenz darüber nichts enthält. Auch aus dem ganz harmlosen Stück von Felix Philippi „Das Erbe“ fiel eine Stelle „Um Gottes­willen, sie schlagen drüben in der Villa des Barons die Scheiben ein. Haha, da haben die Glaser wenigstens etwas zu tun“ der Zensur zum Opfer115). Soziale Ressentiments durften nicht geweckt werden. Nur aus einer Ursache hat sich die Hoftheaterzensur gelegentlich er­weichen lassen und ihre strengen Prinzipien gemildert. Das war die Aus­sicht auf einen Kassenschlager, der auch an der Hofbühne nicht zu verach­ten war. Als Illustration kann hier das Pariser Erfolgsstück Octave Mir- beaus dienen, das den bezeichnenden Titel „Geschäft ist Geschäft“ trug. Schlenther fürchtete nur wegen einer Stelle, auf die er Hofrat Jettel gleich aufmerksam machte. Außerdem beriet er sich schon vorher mit dem Inten­danten. „Exzellenz Plappart hat das Stück schon vor Wochen gelesen und hat auch nur gegen die eine betreffende Scene Bedenken. Diese Bedenken waren anfangs sehr stark, sind aber durch den immensen Erfolg, den das Stück inzwischen im Théátre Francais gehabt hat, mit Rücksicht auf unsere Kasse sehr gemildert worden“ 116). Jettel antwortete sofort: „Die bewußte Scene daraus weglassen, hieße das Stück umbringen, es ist weit­aus die bedeutendste und packendste im ganzen Stück.“ Welcher Art sie war, lassen die von Jettel vorgeschlagenen beiden Striche erkennen: „Glau­ben Sie wirklich, meine sozialistische Candidatur wird der Kirche nicht an­genehmer sein als Sie — Marquis?“ und „Sie (die Kirche) hat in Wahrheit ein Recht auf Herrschaft“ 117). Hier ist also ein für die damalige Zensur wirklich heikler Text im Hinblick auf das Geschäft bis auf wenige Striche toleriert worden. Aus den angeführten Beispielen entsteht der Eindruck, daß das Trium­virat Jettel, Plappart und Montenuovo — trotz der gelegentlichen Groß­zügigkeit und des Kunstverständnisses des Hofrats —- die Auswahl zeitge­nössischer Bühnenwerke und damit die Aufgabe des Burgtheaterdirektors ungemein erschwert hat. Daher kam es, daß gerade Schlenthers Stärke, seine Verbundenheit mit den lebenden Dramatikern und mit den großen Bühnenverlagen, in seiner Wiener Tätigkeit nicht sehr zum Ausdruck ge­kommen ist. Schlenther hat aber auch zur Pflege der Klassik nicht Unbe­deutendes geleistet. Zu seiner Aufführung der beiden Teile des „Faust“ hat er ein Jahr lang Vorstudien betrieben. Er hat die „Orestie“ von Aischy- los nach der Übersetzung Wilamowitz-Möllendorffs in einer eigenen Bear­beitung auf die Bühne gebracht, Lessings „Phiiotas“ zum erstenmal seit 1792 und Kleists Guiscard-Fragment überhaupt erstmalig im Burgtheater gegeben. 1901 hat mit dem „Lumpazivagabundus“ auch Nestroy seinen Ein­zug ins Burgtheater gehalten. Der Höhepunkt von Schlenthers Direktions­tätigkeit war der Schillerzyklus 1904/05, in dem alle Dramen Schillers in 115) Bg. Th. ZI. 833 ex 1898. 116) Schreiben an Jettel vom 1. VII. 1903, Bg. Th. SR, Kart. 5 Nr. 113. 117) Antwort Jetteis vom 2. VII. 1903, ebenda. Mitteilungen, Band 14 27

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