Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 415 Zeichnung einer Haltung, die in einer durch Kulturkampf und Los von Rom-Bewegung erregten Zeit erklärlich ist. Daß das Kaiserhaus als Herr und Geldgeber des Burgtheaters be­sonderen Schutz genoß, kann ebenfalls keine Verwunderung erregen. Frei­lich gingen hier ängstliche Gemüter, sei es aus Loyalität, sei es aus Liebe­dienerei, oft weiter, als es den Intentionen des Herrscherhauses entsprechen konnte. Als Beispiel sei hier nur eine sonderbare Furcht vor in Wirklich­keit nicht gegebenen Parallelen angeführt. So mußte Paul Schlenther — kaum aus eigenem Antrieb — bei Exzellenz von Hartei anfragen, ob die Aufführung von Fuldas „Herostrat“ ein Vierteljahr nach der Ermordung der Kaiserin Elisabeth möglich sei. Hartei gibt in seiner Antwort der Ver­wunderung Ausdruck, daß eine Beziehung zwischen dem Genfer Attentat und der Tat des Herostrat gesehen werden könnte. „Wie mir scheint, sind der Gegenstand des Attentats (Kaiserin — Tempel) und die eigentlichen Motive zu verschieden, eine solche Meinung festzuhalten, wenn sie selbst von außen suggeriert wird.“ Hartei tat — auch für diese überängstliche Hal­tung bezeichnend — noch ein Übriges. Er erkundigte sich bei der ältesten Hofdame der ermordeten Kaiserin, der Gräfin Marie Festetics, die eben­falls keine Beziehungén erkennen konnte. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß nach dem Tode des Kronprinzen Rudolf ähnliche Bedenken gegen eine Aufführung der Oper „Werther“ entstanden waren, die vom Kaiser selbst nicht geteilt wurden >04). Daß bei der Aufführung des „Wilhelm Teil“ im Schillerzyklus 1904 viele Anspielungen auf den Kaiser und nahezu alle Erwähnungen Österreichs gestrichen wurden, entsprach einer alten Übung. Neu war an Schlenthers Bearbeitung, daß die Parricida-Szene im wesent­lichen erhalten blieb 105). Das geheiligte Legitimitätsprinzip wurde in Fuldas Märchenspiel „Der heimliche König“ angegriffen. Hier kommt ein degeneriertes Herrscher­haus vor, dessen letzter Sproß Lanzelot nur mehr als Puppe dem Volk vor­gestellt werden kann, weil er völlig toll ist. An seiner Stelle wird der Hirt Peredur König. Dieses Stück konnten Jettel und Montenuovo nicht durch­lassen. Dabei waren Änderungen ohne völlige Umdrehung des Inhaltes kaum möglich. Hugo Thimig urteilte: „Für die Ansprüche der Censur wird schwer etwas zu ändern sein. Auch wenn seine k. und k. Hoheit nicht den Thron besteigt, verbleibt das monarchistische Ärgernis. Die Puppe, deren Erscheinen wohl nicht zu eliminieren, wird Jettel alle Haare des Kör­pers sträuben“ 106). Der Zensor stellte zur Aufführung folgende Bedingun­gen: „Thunlichste Eliminierung des parodistisch-persiflierenden, Abände­rung des Schlusses in der Richtung, daß Peredur als dem Stärksten die Krone des Landes aufs Haupt gesetzt wird. In zweiter Linie stünde eine Re­>04) Schreiben Harteis an Schlenther vom 29. XII. 1898, Bg. Th. ZI. 346/M. J. ex 1898. >05) Textbuch mit Streichungen in Bg. Th. SR, Kart. Nr. 124. io«) Brief an Schlenther vom 30. XI. 1906, ebenda Kart. 2 Nr. 14.

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