Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910
414 Hans Wagner gegen ist das französische Lustspiel „Die Liebe wacht“, das bei Frau Hofrat Jettel ein so großes Mißfallen erregt hatte, schließlich doch aufgeführt worden. Unter der Bedingung, daß es sehr rasch gespielt werde, damit „man das Stück nur reizend und nicht auch anstößig finde“, hatte nach Jetteis Bonmot „die Liebe endlich ausgewacht“ 98). Mit welchen Schwierigkeiten die Dramaturgen der Hoftheater in der Moralfrage rechnen, welche Streichungen sie erwarten mußten, zeigt das Urteil des Schauspielers und Regisseurs Ernst Hartmann über den „Grafen von Charolais“ von Richard Beer- Hofmann besonders deutlich: „Die Hoftheatercensur würde so viel aus dem Stück eliminieren müssen, das Milieu des Wirtshauses mit allen seinen Details, den ganzen Handel des ekelhaften Wirtes u.s.w., der Jude müßte so beschnitten werden, die sinnliche Rede Philipps im vierten Akt so verstümmelt werden, alle die Wuthkraftausdrücke des Helden, wenn er von seiner zerstörten Ehe spricht und schreit, gestrichen werden, daß nur noch ein Raupach’sches Drama übrig bliebe“ "). Natürlich wurde das Stück abgelehnt, trotz der anerkennenden Äußerung Plapparts über den Autor, „ein sehr bedeutendes Talent, das wohl in der Folge auch für das Burgtheater etwas bedeuten wird“ * 10°). Der Schutz der Religion vor Mißachtung und Verhöhung durch den Liberalismus an einem habsburgischen Hoftheater verstand sich von selbst. Daß man dabei doch Zeitproblemen gegenüber nicht ganz ablehnend blieb, zeigt die Aufführung von Schönherrs „Sonnwendtag“. Priester und religiöse Handlungen waren nach Tunlichkeit nicht auf der Bühne darzustellen. Dadurch erklären sich die Streichungen in Schönherrs „Über die Brücke“. Größere Ängstlichkeit verrät schon der Zensurstrich in der Dramatisierung von Conrad Ferdinand, Meyers „Richterin“ von Roman Woerner, dem jene Stellen zum Opfer fielen, die Graciosus als Sohn des Bischofs von Chur erkennen lassen 101).Daß im Wilhelm Teil in der 3. Szene des 4. Aktes die Stelle „Platz! Platz! Da kommen die barmherz’gen Brüder. Das Opfer liegt — die Raben steigen nieder“, von Plappart gestrichen wurde, hat seinen Grund wohl nicht in Schillers Anachronismus, um 1300 von Barmherzigen Brüdern zu sprechen 102 103). Eine der Hauptaufgaben der Zensur war es, Anspielungen zu unterdrücken, die ein unliebsames Echo im Zuschauerraum herbeirufen konnten. So erklärte sich der Strich Jetteis im „Herostrat“ von Ludwig Fulda trotz der Verlegung in die heidnische Antike: „Den Priestern genügt es nicht, sie wollen nicht nur Opfer und Weihgeschenke, sie wollen die Herrschaft“ 10s). Diese wenigen Beispiele genügen zur Kenn") Undatierter Brief an Schlenther (Sommerferien 1908), ebenda Kart. 1 Nr. 22. 99) Brief an Schlenther vom 24. XI. 1904, ebenda Kart 1 Nr. 11. 109) Schreiben an Schlenther vom 13. I. 1905, ebenda. 101) Bg. Th. ZI. 728 ex 1898. 102) Brief an Schlenther vom 10. IV. 1904, Bg. Th. SR, Kart. 5 Nr. 124. 103) Bg. Th. ZI. 792 ex 1898.