Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910
410 Hans Wagner ist“ 73 74). Dazu kam noch, daß die „Erde“ auf erbitterten Widerstand aus Schauspielerkreisen stieß. Jettel bezeichnete sie als unerfreuliches Stück Er fürchtet, daß das Wiener Logenpublikum an der Handlung, der Heirat der schwangeren Mena mit einem anderen als dem Kindesvater, Anstoß nehmen könnte. Die Kindesliebe des Hannes bringe „einiges Licht in diese ungebundenen Verhältnisse“. Das sei „ein sehr hübsches Motiv, nur braucht man die Vorbereitungen nicht mitzumachen“ 7i). Damit hat sich offenbar ein Intervenient gegen das Stück verraten. Schlenther fügte mit Bleistift „Aha!“ an dieser Stelle von Jetteis Brief ein und Schönherr schrieb seinem Gönner entrüstet: „Herr K. weiß nicht, ob er das Stück ernst oder spaßhaft nehmen soll? Mag sein. Aber deshalb ist das Stück noch lange nicht gerichtet. Auch der Mischling, die Tragikomödie, hat Heimatrecht auf der Bühne. Und wenn Herr K. in der letzten Scene nur den Abschluß einer durch das ganze Stück hindurch betriebenen Holzhackerei sieht, ... das mag ein jeder halten wie er will. Des Zusammenhangs mit der großen Natur kann dieses Stück einmal nicht entraten, und wer diesen Zusammenhang nicht fühlt und spürt, für den mag es immerhin eine bloße Holzhackerei sein. Aber es war nicht nötig, auch noch die Zensurkanone gegen mich aufzufahren, und noch dazu unter Hinweis auf eine Scene, deren eventuelle Zensurwidrigkeit einzig und allein nur in einer scenischen Klammerbezeichnung (,wirft sich mit ihr in brünstiger Umarmung auf die Ofenbank“) liegen kann, die mit einem einzigen Regiestrich beseitigt werden kann“ 75). Dieser Herr K. war der Schauspieler Josef Kainz, der gegen Schönherr und für die „Sommernacht“ seines Freundes und Salontirolers Ganghofer eintrat. Schönherr bemerkt dazu treffend: „Man kann nicht gleichzeitig für ,Sommernacht“ und ,Erde“ schwärmen“ 76). Nach einer Umarbeitung durch Schönherr machte Jettel keinen Einwand mehr. Die „Erde“ hatte inzwischen auch einen starken Verbündeten in der Hofrätin gefunden. Jettel schreibt: „Meine Frau, der ich es zu lesen gab, ist davon entzückt“ 77). Am 22. Februar 1908, vier Monate nach Ganghofers „Sommernacht“, hatte die „Erde“ Premiere. Abgelehnt wurde Schönherrs „Königreich“, wobei anscheinend Kainz wieder eine Rolle spielte. Im Gegensatz zu seinen früheren Dramen hat Schönherr hier ein neuromantisch-symbolistisches Versdrama verfaßt, was Jettel bitter beklagte: „Was hat nur Schönherr veranlaßt, seiner waldfrischen Einfachheit den Rücken zu kehren, sich in eine schwüle Mystik einzulassen, die ihm so ferne liegt!“ Er hält das Stück als Libretto für Richard Strauß geeignet, am Burgtheater möchte er es nicht sehen, nicht 73) Brief an Schlenther vom 13. III. 1907, ebenda Kart. 5 Nr. 134. 74) Undatiertes Schreiben an Schlenther (April 1907), ebenda. 73) Brief an Schlenther vom 20. IV. 1907, ebenda. 76) Ebenda. 77) Brief an Schlenther vom 16. IX. 1907, ebenda.