Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 411 als Zensor, sondern wegen seines Kunstgeschmackes als Laie78). Ein Vor­abdruck erschien in der Weihnachtsnummer 1907 der Wiener Zeitung, der keinen günstigen Eindruck machte. Schlenther, der sich trotzdem weiter für „Das Königreich“ einsetzte, versuchte Fürst Montenuovo direkt zu beeinflussen, aber offenbar ohne Erfolg79). Am 25. Jänner 1908 schickte das Burgtheater eine Pressenotiz aus, daß Schönherr sein Märchenspiel zurückgezogen habe, weil er die Streichungen der Zensur nicht billigen konnte80). Die gut unterrichtete Berliner Nationalzeitung weiß darüber hinaus zu melden, daß die Zensurbedenken nur ein Vorwand gewesen seien, zu denen das Stück seinem Inhalt nach keinen Anlaß gebe. Die wahre Ursache sei die heftige Agitation einiger prominenter Schauspieler gewesen, unter denen Kainz genannt wird. Sie habe sich nicht gegen das Stoffliche, son­dern gegen die literarischen Qualitäten des Stückes gerichtet81). Die son­stige Bereitwilligkeit Schönherrs zu Änderungen und die Ablehnung der „Erde“ durch Kainz lassen diese Version nicht unglaubwürdig erscheinen. Als letztes Stück Schönherrs unter der Direktion Schlenthers gelangte am 19. November 1908 „Über die Brücke“ zur Aufführung. Schlenther sah das Manuskript durch und vermerkte seine Bedenken im Hinblick auf die Zensur. „Um den Niklauspfarrer wäre es jammerschade, aber ich fürchte!, ich fürchte!“ 82). Eine Abschrift wurde Jettel vorgelegt, der einige Strei­chungen anregte, die den Kern des Stückes nicht trafen, aber Details ent­fernten, die den düsteren Vorgang gemildert hatten. Es waren Stellen, die als Angriffe gegen die Religion gedeutet werden konnten. Alles, was als Tendenz im Kampf um eine Eherechtsreform gelten konnte, wurde ge­strichen. Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine Paragraphen durften in diesem Zusammenhang nicht zitiert werden. Das Betschwestertum der Hauptdarstellerin und die Motivierung des Glaubenswechsels einer anderen weiblichen Figur konnten nur angedeutet werden. Schlenther schrieb: „Be­sonders leid tut es mir um den alten Niklauser Pfarrer und um die Kon- trastierung von Fluch und Gebet. Aber gerade diese beiden Dinge gehören zu den allerunüberwindlichsten Schwierigkeiten“ 83). Schönherr schrieb daraufhin eine neue Fassung, die Schlenther auch künstlerisch besser schien. Statt der Umarbeitung -wurde Jettel irrtümlich die erste Fassung zugeschickt, die er mit einem scharfen Brief zurückwies 84). Nach der Auf­klärung des Mißverständnisses gab es keine Hindernisse mehr. Von Arthur Schnitzler war „Das Vermächtnis“ noch von Direktor 73) Undatiertes Schreiben an Schlenther (Herbst 1907), ebenda Kart 5 Nr. 133. 79) Schlenther an Montenuovo vom 15. I. 1908, ebenda. 80) Ebenda. 81) Vom 31. I. 1908. 82) Schreiben an Schönherr vom 2. VIII. 1909, Bg. Th. SR, Kart. 5 Nr. 135. 83) Schlenther an Schönherr vom 21. IX. 1909, ebenda. 84) Schreiben an Schlenther vom 1. XI. 1909, ebenda.

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