Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910
404 Hans Wagner tenuovo war es ferner, der — freilich um den Preis großer daraus entstehender Peinlichkeiten — Schlenther im Fall „Rose Bernd“ recht gegeben hat. Sind auch die Schreiben Montenuovos selten, ist er doch sicher von Jettel und Plappart oft zur eigenen Deckung angerufen worden. Im Fall des französischen Lustspiels „Die Liebe wacht“ hat Jettel seiner durch die Frau Hofrätin verursachten Ablehnung hinzugefügt: „Liegt Ihnen sehr an dem Stück, so bleibt ja noch immer der Recurs an die höchste Stelle, aber ich glaube, trotz aller liberalen Gesinnungen wird der Fürst selbst Bedenken tragen, seine Zustimmung zu geben“ 42). Gelegentlich erfahren wir auch von Beanstandungen Montenuovos nach erfolgter Zensur. So hat ihm der Ausdruck „Civilliste“ in „Flachsmann als Erzieher“ Bedenken erregt43). In solchen Fällen ist es aber schwer, den Anteil Montenuovos wirklich zu bestimmen, da solche Beanstandungen ja auch von anderen Personen ausgegangen sein können, die den Fürsten nur als Sprachrohr benützten. So ist die Äußerung „Man wird doch ein solche Cochonnerie im Burgtheater nicht spielen wollen“ über Schönherrs heute vergessenes Drama „Das Königreich“, wenn sie überhaupt von Montenuovo selbst stammt, nur der Ausdruck einer gegen Schönherr angezettelten Intrige 44). Nur einmal, zu Bahrs „Apostel“, hat sich Montenuovo direkt geäußert: „Es wird mich für die Casse sehr freuen, wenn wir das Stück geben könnten, litterarischer Werth ist wohl gleich Null“. Hier griff Montenuovo direkt ein, weil er im Stück einen Angriff auf den Reichsrat sah und infolgedessen noch Ministerpräsident Koerber um sein Gutachten bat. Statt des im Stück vorkommenden umstrittenen Kanalprojekts mußte von Deichanlagen gesprochen werden, um jeden Anschein einer Verspottung „unseres Parlamentes oder dessen momentaner Arbeit“ zu vermeiden45). Sonst ist das Wirken Montenuovos hinter den Kulissen nicht zu beobachten. Sicher aber ist, daß Paul Schlenther, gegen dessen Geschicklichkeit im Umgang mit Hofstellen schon Erich Schmidt Bedenken geäußert hatte46), mit dem Fürsten sehr gut auskam und von ihm bis zum letzten Moment gehalten wurde. Ohne dieses gute Verhältnis, zu dessen Herbeiführung wohl der bei Hof sehr angesehene Hugo Thimig viel beigetragen hat, wäre die lange Direktionstätigkeit Schlenthers nicht möglich gewesen. Es ist zu vermuten, daß es Montenuovo war, der großen Wert darauf legte, im Burgtheater gute Kassenerträgnisse zu erzielen, und Schlenther deshalb ermunterte, immer wieder zu Unterhaltungsstücken Zuflucht zu nehmen. Daraus erklärt 42) Siehe oben S. 402, Anm. 32. 43) Brief Jetteis an Schlenther vom 2. II. 1901, ebenda Kart. 1 Nr. 32. 44) Leipziger Neueste Nachrichten vom 23. II. 1901, ohne direkte Nennung Montenuovos (ebenda Kart. 5 Nr. 132 und 133). Siehe unten S. 411. 45) Brief Montenuovos an Schlenther vom 14. IX. 1901, ebenda Kart. 1 Nr. 2. 4Ö) Schreiben an Hartei vom 15. XII. 1897: „Im Aussehen und Benehmen ist er (Schlenther) gar nicht eben hofmännisch“ (Gen. Int. ZI. 54 ex 1898).