Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910
Die Zensur ana Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 405 sich das Vorherrschen von Blumenthal, Kadelburg und ähnlicher Autoren ohne literarischen Wert im Repertoire des Burgtheaters besonders in den letzten Jahren der Direktion Schlenthers, was diesem von der Kritik so sehr verübelt wurde. Um den Gang der geschilderten Zensurinstanzen an einigen Beispielen zu erläutern, werden die bedeutendsten Dramatiker der Moderne, für die sich Paul Schlenther am Burgtheater eingesetzt hat, Gerhart Hauptmann, Karl Schönherr und Arthur Schnitzler, herausgegriffen. Die heute vergessenen Autoren sind weniger beispielhaft und bei den Unterhaltungs- und Modedramatikern hat es ohnehin keine Zensurschwierigkeiten gegeben. Die größten Anstände boten bei Gerhart Hauptmann natürlich die sozialen und naturalistischen Dramen. Um die „Weber“ hat es einen heftigen Kampf gegeben. Sie blieben in Österreich allgemein lange verboten. Noch 1901 konnte die Arbeiterzeitung mit Recht schreiben, daß es eine der österreichischen Lächerlichkeiten sei, daß die Aufführung der „Weber“ noch nicht gestattet wurde47). Vom Burgtheater und auch von der Zensur kann man nicht behaupten, daß man sich nicht um sie bemüht hätte. Schon Max Burckhard hat sich dafür eingesetzt und Paul Schlenther machte 1898 große Anstrengungen und hat 1901 sogar dem Zensor eine Zustimmung abgenötigt. Damals bestand der Plan, dem Berliner Deutschen Theater unter Otto Brahm ein Gastspiel in Wien zu gestatten. Der sozialistische Abgeordnete Engelbert Pernerstorfer hat deshalb bei Ministerpräsident Koerber interveniert. Koerber wandte ein, er könne die „Weber“ nicht für ein Berliner Theater freigeben, solange sie den lange darum kämpfenden Wiener Theaterdirektoren nicht gestattet seien. Er fügte hinzu: „Sagen Sie doch dem Director Schlenther, wenn seine Hauscensur das Stück durchläßt, so werde ich von Seite der politischen Behörde keinen Anstand machen“ 48). Nachdem Koerber so die Verantwortung dem armen Hof rat Jettel zugeschoben hatte, zeigte sich dieser tatsächlich nicht abgeneigt. Er schrieb an Schlenther auf dessen sofortige Anfrage: „Ich will Ihnen —- ganz vertraulich — gestehen, daß ich dem Gedanken einer Weber-Aufführung am Burgtheater heute vielleicht nicht mehr so unbedingt ablehnend gegenüberstehe, als noch vor einem Jahre. Es handelt sich hier wirklich um die Actualität einer Bewegung und heute, wo — leider Gottes — die nationalen Fragen das Interesse für alle übrigen in den Hintergrund gedrängt haben, könnte man vielleicht mit leichterem Gewissen an ein — selbst so revolutionäres sociales Drama wie die ,Weber’ herantreten, deren großen Zug ich nicht läugnen kann“ 49). Leider hat sich die so hoffnungsvoll angebahnte Entwicklung durch Schwierigkeiten mit dem Geschäftsvertreter Hauptmanns zerschlagen, der durch einen Vertrag an Brahm gebunden war. Der Widerstand gegen die Burgtheateraufführung lag also diesmal „nicht hier in 47) Arbeiterzeitung vom 28. XI. 1901. 48) Pernerstorfer an Schlenther vom 4. XI. 1901, Bg. Th. SR, Kart. 3 Nr. 69. m) Brief vom 19. XI. 1901, ebenda.