Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
STURMBERGER, Hans: Ein Brief Johann Friedrich Böhmers an Anton v. Spaun
374 Hans Sturmberger große Freude machten“" 32). Spaun, der sich leidenschaftlich um das Wiederaufleben der „altdeutschen“ Kunst bemühte und nicht nur in der Erhaltung der mittelalterlichen Kunst, sondern auch in ihrer Erneuerung eine seiner Aufgaben sah und so zum Wegbereiter der Neugotik wurde, zeigte damals Böhmer auch 20 Proben der Kunst des Frankenburger Glasmalers Franz Pausinger 33). Es waren Glasmalereien, von denen Spaun an Chmel zu berichten wußte, daß sie ganz im „alten Style“ verfertigt und „bewunderungswürdig“ seien. Böhmer aber habe ganz überrascht ausgerufen, daß Pausinger die alte Glasmalerei „vollkommen erreicht““ habe34). Auch hier die volle Übereinstimmung der Freunde in der Auffassung, daß es gelte, das Vorbild der Gotik zu erreichen und in ihrem Geiste neu zu schaffen 35). Als Spaun darandachte, den alten Festsaal der oberösterreichischen Landstände, den aus dem 16. Jahrhundert stammenden sogenannten „Steinernen Saal“ des Linzer Landhauses, durch Moritz v. Schwind mit Fresken ausschmücken zu lassen, da empfahl er Schwind, sich an Böhmer zu wenden, der ihm über den Regensburger Reichstag von 1156, der das Motiv für das Hauptfresko im Steinernen Saal bilden sollte, alle Details erzählen könne36). So gewann Spauns Beziehung zu Böhmer Bedeutung für viele Bestrebungen der Romantik in Oberösterreich. Wie sehr hatte Spaun gewünscht, öfter mit dem Frankfurter Stadtbibliothekar zusammenzusein, wie sehr hat er es in einem Schreiben an Schwind bedauert, daß Böhmer sich im Jahre 1845 in Linz aufhielt, ohne daß er davon erfuhr37). Aber auch Böhmer wußte Spauns Bedeutung, sein Wesen und seinen Charakter besonders zu schätzen. Als er seinem Schweizer Freunde Kopp riet, in Linz das neue Museum aufzusuchen und die reichhaltige Sammlung von Urkundenabschriften einzusehen, da drückte er auch den Wunsch aus, er möchte den landständischen Syndikus v. Spaun kennenlernen : „Er ist ein edler Mann“ schrieb er — „er kommt schon von selbst auf das Museum, wenn er erfährt, daß Sie da sind“ 38). Die Hochschätzung des edlen Sinnes Anton v. Spauns tritt hier deutlich zu Tage und die Achtung vor dem Ethos des Freundes in Oberösterreich. Dieser Edelmut, den Böhmer an Spaun bewunderte, gehörte zum romantischen Ideal, eine spezifische Form der „Virtus“, welche viel mehr vom seelischen Bereich dieses Begriffes an sich hatte — von der „Tugendhaftigkeit“ — als vom „Tüchtigsein“, wie die Antike und wohl die Renaissance diesen Begriff vor allem 32) Spaun an Chmel, 11. 12. 1843, Abschrift Landesarchiv, Neuerwerbungen Schuber 40, Nr. 6. 33) Vgl. auch Spauns Aufsatz „Die Glasgemälde des Herrn Franz Pausinger“, Musealblatt 1843. 34) Spaun an Chmel, 11. 12. 1843, a. a. O. 33) Sturmberger, Spaun und der Geist des Barockzeitalters, a. a. O., S. 118. 36) Spaun an Schwind, 6./7. November 1846; abgedruckt bei Sturmberger, Briefwechsel, Jahrbuch der Stadt Linz 1952, S. 175. 37) ebda. 38) Böhmer an Kopp, 30. 6. 1845; Janssen 2, S. 419.