Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

Gustav Graf Kálnoky 337 während seiner Botschafterzeit hatte er davon gesprochen, daß ein Wall gegen die russische Sturmflut errichtet werden müßte, denn er betrachtete einen Krieg gegen Rußland als das größte Unglück, das Österreich-Ungarn zustoßen konnte. So schrieb er im Jahre 1883 an den österreichisch-ungari­schen Gesandten in Belgrad, Grafen Khevenhüller: „Was könnten wir wohl gewinnen bei einem solchen kolossalen Kriege, bei dem nur der Jammer und das Elend, welches er über die Bevölkerung bringt, berechenbar sind, dessen Folgen aber unermeßlich sein können.“ Er ging jedoch nicht so weit, um jeden Preis einen Waffengang mit Rußland zu vermeiden. Er sah seine Aufgabe als Außenminister darin, alle ihm auf diplomatischer Ebene ge­gebenen Möglichkeiten zu erschöpfen, um Rußland einen solchen Krieg als großes Risiko erscheinen zu lassen. Um das zu erreichen, mußte Österreich- Ungarn nicht nur in militärischer Hinsicht stark sein und bleiben, es mußte im entscheidenden Moment auch Rücken und Flanke frei haben, um, ge­stützt auf eine Anzahl zu militärischem Beistand oder wohlwollender Neu­tralität verpflichteter Bundesgenossen, seine ganze Kraft gegen Rußland aufbieten zu können. Der Realisierung dieses Planes dienten die Verträge mit Italien und Rumänien ebenso wie die Verträge mit Deutschland und Serbien, die Kálnoky bei seinem Amtsantritt bereits vorfand. Von einer solchen Basis aus — und diese war im Herbst 1883 im wesentlichen er­reicht — vermochte Kálnoky mit Besonnenheit und ohne Nervosität das Verhältnis zu Rußland jeweils mit Rücksichtnahme auf die europäische Mächtekonstellation zu regeln; der Drei-Kaiser Vertrag diente ihm dabei ebenso als Stütze wie sein Grundsatz, Rußland nicht zu provozieren. Und doch war seine Politik Rußland gegenüber nicht so defensiv, wie es für den oberflächlichen Betrachter erscheinen mochte. In Bulgarien hatte Fürst Alexander Battenberg schon bald nach seiner Thronbesteigung Schwierigkeiten mit den ihm zugewiesenen russischen Ministern, Funktionären und Militärs, die man in St. Petersburg als die hauptsächlichsten Stützen des russischen Einflusses in diesem Lande be­trachtete. Nachdem er mit seinen Beschwerden gegen dieselben in Peters­burg, aber auch in Berlin wenig Gehör fand, suchte er Rückhalt in Wien. Kálnoky war der Meinung, daß der nachhaltig und mitunter mit robusten Mitteln ausgeübte russische Druck auf radikale Weise nicht gebrochen wer­den konnte, da sich Rußland prestigemäßig schon zu sehr engagiert hatte. Er riet dem Fürsten daher zu mäßigem, besonnenem Vorgehen. Nichtsdesto­weniger war Kálnoky fest entschlossen, jede sich bietende Gelegenheit zu nützen, um den russischen Einfluß in diesem Lande zu reduzieren, denn solange dieser dort wirksam war, war an die Herstellung halbswegs stabiler Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel als Voraussetzung für eine kontinuier­liche, progressive Entwicklung der Balkanstaaten nicht zu denken. Dem österreichisch-ungarischen Vertreter in Sofia, Baron Rüdiger Biegeleben, war es freigestellt, in dieser Richtung inoffiziell nach Kräften zu wirken, welcher Aufgabe er auch in sehr geschickter Weise nachkam, ohne sich da­Mitteilungen, Band 14 22

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