Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

338 Ernst R. Rutkowski bei zu exponieren. Offiziell legte Kálnoky wiederholt dem russischen Außen­minister Nikolaj Karlovic von Giers nahe, der Konsolidierung der monarchi­schen Regierungsform in Bulgarien dieses oder jenes Prestigeopfer zu brin­gen. Viel Erfolg war ihm dabei freilich nicht beschieden, denn die maßge­benden Kreise in Rußland und vor allem auch Zar Alexander III. waren fest entschlossen, den jungen und etwas ungestümen Fürsten daran zu hindern, sich der russischen Vormundschaft zu entledigen und sein Land in politi­scher, wirtschaftlicher und vielleicht auch kultureller Hinsicht nach Mittel­europa hin zu orientieren. Der Zwiespalt kam zum offenen Ausbruch, als Fürst Alexander im Sep­tember 1885, von den Ereignissen mit fort gerissen, die Vereinigung Bul­gariens mit dem unter türkischer Verwaltung stehenden Ost-Rumelien voll­zog. Im Drei-Kaiser-Vertrag von 1881 hatte sich Österreich-Ungarn im Sinne eines Zugeständnisses an Rußland bereit erklärt, die Union beider Bulgarien zu akzeptieren, falls diese sich par la force des choses vollzöge. Innerhalb von vier Jahren hatte sich jedoch so viel geändert, daß Rußland die durch den Fürsten Alexander nunmehr vollzogene Union als einen Schlag ins Gesicht empfand und alles unternahm, um die Lage des Fürsten zu erschweren. Kálnoky machte zwar den Versuch, die Stipulationen des Drei-Kaiser-Vertrages unter Besänftigung der Türkei und im Einver­nehmen mit den Signatarmächten des Berliner Vertrages in Anwendung zu bringen und die nun einmal geschaffene Lage, die jetzt für Österreich- Ungarn nicht mehr bedrohlich war wie früher, zu sanktionieren, allein er stieß auf so starken Widerstand Rußlands und strikte Reserviertheit Deutschlands, daß er seine Aktion vorläufig abbrach. Die Kriegserklärung König Milans von Serbien, der ein Großbulgarien nicht glaubte akzeptieren zu können, die Niederlage der serbischen Armee und das siegreiche Vor­dringen der von Fürst Alexander geführten bulgarischen Armee veränder­ten die Situation. Kálnoky sah sich gezwungen, nicht ohne vorherige Ver­ständigung des russischen Außenministers, den Kampf durch ein Macht­wort zu beenden, um Serbien vor einer völligen Niederlage zu bewahren. Nachträglich nahm man ihm in Rußland dieses Vorgehen jedoch übel, und es kam zu einer ernsten Entfremdung. Die durch russische Intrigen und russisches Geld provozierte Entfüh­rung des Fürsten Alexander und seine darauf folgende Abdankung ein Jahr nach der Unionsproklamation schienen Rußland wieder alle Vorteile in die Hand zu spielen, die es auch durch die Entsendung des Generals Kaulbars reichlich auszunützen versuchte, um in Bulgarien einen russischen Kandida­ten auf den Thron zu bringen. Da Bismarck sich auf den Standpunkt stellte, daß Bulgarien dem Geiste des Berliner Vertrages zufolge in die russische Interessensphäre gehöre und völlige Interesselosigkeit gegenüber der Neu­gestaltung der dortigen Verhältnisse an den Tag legte, hatte Kálnoky von deutscher Seite, keine Unterstützung zu erwarten. Diese allzu deutlich mar­kierte Haltung Deutschlands wurde in der Öffentlichkeit der Monarchie

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