Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

336 Ernst R. Rutkowski Mit England vermochte Kálnoky während der ersten Jahre seiner Amts­tätigkeit keinen engeren Kontakt aufzunehmen; dies nicht nur, weil ge­heime Bündnisse der englischen Regierungsform nicht entsprachen, sondern auch infolge einer unverkennbaren Reserviertheit, die die englischen Poli­tiker — mochte es sich nun um Gladstone oder um Salisbury handeln — an den Tag legten, solange Österreich-Ungarn mit Rußland einigermaßen auf gutem Fuße stand. Das war auch der Fall, denn unter dem Eindruck der offensichtlichen Machtfülle des deutsch-österreichisch-ungarischen Bündnisses gestalteten sich die Beziehungen zu Rußland im Rahmen des Drei-Kaiser-Bündnisses von 1881 zwar nicht besonders herzlich, aber doch leidlich. Es wurde im Jahre 1884 auf drei Jahre verlängert. Kálnoky, der das Verhältnis Öster­reich-Ungarns zu Rußland unter dem Blickwinkel der Balkanpolitik zu sehen gezwungen war, wußte die Wirkung dieses für den Fall eines bewaff­neten Konfliktes eines Vertragspartners mit einer vierten Macht geltenden NeutralitätsVertrages wohl zu schätzen und benützte das darin festgelegte gegenseitige Einvernehmen bei der Lösung auftauchender Fragen, um einen weiteren Raumgewinn des russischen Einflusses auf der Balkanhalb­insel möglichst hintanzuhalten. Auf den ersten Blick konnte man glauben, es hätte nur einen weiteren Schritt in dieser Richtung dargestellt, wenn Kálnoky auf die wiederholt lancierte Idee Bismarcks eingegangen wäre, zur Vermeidung von Reibungen die gegenseitigen Interessensphären auf der Balkanhalbinsel kurzerhand abzugrenzen und die dadurch gewonnene Trennungslinie vertraglich festzu­legen ; Bulgarien wäre demnach in die russische, Serbien in die österreichisch­ungarische Interessensphäre gefallen. Diese an sich bestechende Lösung lehnte Kálnoky beharrlich ab, da der in sehr erfindungsreicher und mannig­faltiger Weise durch Geld und Agenten inoffiziell ausgeübte russische Ein­fluß, der erfahrungsgemäß von den russischen Diplomaten fast nie ohne Unterstützung gelassen wurde, durch solche Vereinbarungen nicht hätte ausgeschaltet werden können. Eine solche in ihrem Wesen fiktive Lösung hätte Österreich-Ungarn die Hände gebunden, die russischen Bestrebungen aber kaum eingeschränkt. Außerdem mußte bedacht werden, daß Montene­gro westlich dieser Trennungslinie lag, und das vom listen- und pläne­reichen Fürsten Nikolaus beherrschte kleine Gebirgsland stellte eine für Rußland zusehends an Wichtigkeit gewinnende Position in der Flanke der Monarchie dar. Kálnoky hatte schon bald nach seinem Amtsantritt die Er­fahrung gemacht, daß man dem Fürsten, der im Jahre 1883 seine Tochter Zorka dem serbischen Thronprätendenten Prinzen Peter Karageorgevic, dem Todfeind des Königs Milan Obrenovic, zur Frau gegeben hatte, sehr genau auf die Finger sehen mußte. Kálnoky war sich darüber klar, daß der Drei-Kaiser-Vertrag letzten Endes und besonders im Hinblick auf innenpolitische Umwälzungen in Rußland keine Garantie für die Erhaltung des Friedens darstellte. Schon

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