Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
Gustav Graf Kálnoky 335 Kurz nach Kálnokys Amtsübernahme äußerte Sultan Abdülhamid II. den Wunsch nach Abschluß eines geheimen politischen Beistandspaktes mit den Mittelmächten; Kálnoky ging jedoch auf diese Avancen nicht ein, da der Wankelmut des Sultans in politischen Belangen notorisch war und er sich nicht zum generellen Fürsprecher der Türkei bei all ihren innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten machen lassen wollte. Ebenso ablehnend wurde ein Bündnisangebot Griechenlands im Sommer und Herbst 1883 behandelt, weil Kálnoky die gegen den europäischen Besitz der Türkei gerichteten Territorialwünsche der Hellenen nicht zu fördern gedachte. Sein Prinzip war es, den europäischen Besitzstand der Türkei so lange wie möglich zu erhalten, ohne jedoch feste Bindungen mit dem Osmanischen Reich einzugehen. In dieser Linie lag es, die Gebietsansprüche der angrenzenden Balkanstaaten zu dämpfen. Das gebot auch schon der Selbsterhaltungstrieb, denn es war für den weitblickenden Politiker unschwer ersichtlich, daß sich Serbien und Montenegro nach Befriedigung ihrer territorialen Forderungen an der Türkei neu gestärkt und daher umso nachdrücklicher mit der Abbröckelung des südslawischen Besitzes der Monarchie beschäftigen würden. Diese Bündnispolitik, die mit Ausnahme des österreichisch-ungarischserbischen Vertrages in stetem Einvernehmen mit Bismarck betrieben wurde, hatte im Frühjahr 1882 durch den Abschluß des Dreibundes mit Italien eine Intensivierung erfahren, die von österreichisch-ungarischer Seite eigentlich nur als Rückendeckung für einen Krieg gegen Rußland gedacht war. Diesem Bündnis, das unberechtigterweise im Vatikan mit mißtrauischen Augen betrachtet wurde, wurde freilich die Stabilität und Verläßlichkeit durch die mitunter sehr rege und auch in politischen Kreisen verbreitete Italia Irredenta genommen. Wenngleich Kálnoky wohl darauf achtete, daß die italienische Regierung allzu üppigen Ausschreitungen des Nationalismus entgegentrat, so vermochte er doch das Übel nicht an der Wurzel zu fassen und war daher bedacht, ohne die italienischen Kolonialbestrebungen als Ablenkungsgebiet zu fördern, ein möglichst leidliches Verhältnis zu erhalten; in diesem Bestreben konnte er der deutschen Unterstützung stets sicher sein. Den Beziehungen zu Deutschland, mit dem die Monarchie seit 1879 eng verbunden war, widmete Kálnoky besondere Sorgfalt. Kleinere Unstimmigkeiten stellten sich zwar ab und zu ein, hatten jedoch keine nachhaltige Wirkung. In der Handelspolitik gestalteten sich die Verhältnisse leider nicht so günstig. Es kam in der Praxis wiederholt zu unerfreulichen Maßnahmen und am Verhandlungstisch zu Meinungsverschiedenheiten, die bei etwas mehr Entgegenkommen und Kompromißbereitschaft von deutscher Seite wohl hätten vermieden und ausgeglichen werden können. Kálnoky ließ es dabei an Geduld und Mühe keineswegs fehlen, und er hatte zweifelsohne die schwierigere Aufgabe zu bewältigen, da er erst die Standpunkte der Handelsministerien der beiden Reichshälften vermittelnd in Einklang bringen mußte, bevor er mit dem Vertragspartner überhaupt verhandeln konnte.