Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag
RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze
334 Ernst R. Rutkowski rungsbestrebungen der Balkanstaaten einen Riegel vorzuschieben, so mußte diese Position nicht nur zu eben diesem Zweck behauptet, sondern auch als Basis für die Ausübung eines politischen Einflusses in dem angedeuteten Sinne benützt werden. Das allein reichte jedoch nicht aus und da die nationale Zusammensetzung der Monarchie durch einen weiteren Ländererwerb und damit durch eine neuerliche Vermehrung des slawischen Elementes nicht mehr belastet werden durfte, so galt es, andere Möglichkeiten zu finden, um die gewonnene Ausgangsposition zu sichern. Kálnokys Vorgänger, Baron Haymerle, hatte daher das geheime politische Bündnis mit Serbien abgeschlossen (Juni 1881). Kálnoky hatte schon während seiner Botschafterzeit in St. Petersburg dazu geraten, in Belgrad festen Fuß zu fassen, da ihm nur durch die Einbeziehung Serbiens in die politische Machtsphäre der Monarchie der Besitz von Bosnien einigermaßen gesichert erschien. Das Bündnis mit Serbien erwies sich zwar bei den dortigen starken, gegen Österreich-Ungarn gerichteten Strömungen und bei der wenig standfesten Persönlichkeit König Milans als ein Faktor, auf den man sich nicht blind verlassen durfte; allein es gewährte doch, unterstützt durch Entgegenkommen in handelspolitischen Belangen, einen Rückhalt, der sich schon bei der Niederwerfung des Aufstandes in der Herzegowina und in Süddalmatien in den ersten Monaten des Jahres 1882 als durchaus brauchbar erwies. Erst im Oktober 1883 konnte Rumänien durch den Vertrag mit Österreich-Ungarn und Deutschland für einen Anschluß an die Mittelmächte gewonnen werden. Zwistigkeiten bei der Regelung der Donauschiffahrt und großdacische Manifestationen rumänischer Politiker und Regierungsfunktionäre hatten eine bereits von Haymerle ins Auge gefaßte Verständigung vor diesem Zeitpunkt verhindert und Kálnoky schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt gezwungen, eine deutliche Sprache in Bukarest zu führen. Auf Grund mehrerer Inzidenzfälle sah er sich schließlich zu einer energischen Aktion Rumänien gegenüber veranlaßt, welche noch mehr Nachdruck erhielt, als auch Bismarck den gleichen Ton anschlug. Erst jetzt lenkte das Kabinett Bratianu ein und schlug Verhandlungen vor, die dann auch rasch zum Abschluß gebracht wurden. Die Angst vor dem übermächtigen Rußland, dessen eigenwilliges Vorgehen im Nachbarstaate Bulgarien allzu deutlich zu Tage trat und der nicht verschmerzte Verlust Bessarabiens spielten dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Freilich blieb auch das Bündnis mit Rumänien von Spannungen nicht verschont; die von der ungarischen Regierung in Siebenbürgen ergriffenen Maßnahmen kamen den Wünschen des rumänisch sprechenden Teiles der Bevölkerung nur wenig entgegen und lieferten dadurch nicht allein den radikalen Kreisen jenseits der Grenze Stoff für eine gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda, während andererseits handelspolitische Differenzen die Erhaltung guter und vertrauenswürdiger Beziehungen zwischen den beiden Staaten erschwerten.