Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

570 Literaturberichte Bei diesen Machtverhältnissen nimmt es nicht wunder, daß der Flotten­bau bei weitem im Vordergrund stand und die operativen Überlegungen über den kriegsmäßigen Einsatz dieser Macht weitgehend vernachlässigt wurden — ein Vorgang, der sich in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg wiederholte. Hubatsch kommt denn auch zu dem Schluß, daß die „schim­mernde Wehr“ der Wilhelminischen Ära als Selbstzweck, lediglich zur Sicherung und Erhöhung des eigenen Machtgefühles gedacht war, gleich­sam als Potsdamer Wachtparade zur See. Die englischen Politiker freilich waren anderer Ansicht. Erst in der Nachkriegszeit gelang der Marine die Schaffung einer straffen Organisation mit einheitlicher Spitze, die dann auch im zweiten Weltkrieg weitgehend beibehalten wurde. Trotz der bitteren Erfahrungen der Wilhelminischen Zeit hält Hubatsch jedoch eine solche einheitliche Leitung bei einer größeren Marine für nicht glücklich, weil zwar die Führungsentschlüsse vereinfacht und beschleunigt, jedoch die Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten verdeckt werde. Wenn man aber in Betracht zieht, wie viele Energien bei der Wilhelminischen Orga­nisationsform in gegenseitigen Machtkämpfen verbraucht und damit posi­tiven Aufgaben entzogen wurden — im Marinearchiv gibt es sogar einen eigenen Bestand „Meinungsverschiedenheiten zwischen den obersten Ma­rinebehörden“ — so ist man doch geneigt, diese Nachteile als weniger schwerwiegend zu betrachten, zumal ja auch eine zentralistische Organi­sation der Entfaltung der untergeordneten Stellen Spielraum gewähren kann, ohne deswegen ein Chaos von Machtkämpfen heraufzubeschwören. Auf jeden Fall erscheint es wohl erstrebenswert, die oberste Leitung de facto einem Fachmann, also einem Marineoffizier, und nicht dem maritim ambitionierten Monarchen zu übertragen. In Österreich-Ungarn vollzog sich dank der weisen Beschränkung Franz Josephs die Leitung und Entwicklung der Kriegsmarine, die seit der organisatorischen Wirksamkeit Tegetthoffs 1868 in der Person des Marinekommandanten und Chefs der Marinesektion konzentriert war, in völlig ruhigen Bahnen, ohne daß deswegen die Initia­tive der untergeordneten Organe unterbunden gewesen wäre. In dem eben geschilderten Rahmen der gesamten Behördenorganisation vollzog sich die Entwicklung des 1875 begründeten deutschen Admiralstabes, dem Hubatsch, wie der Titel der Arbeit sagt, den größten Raum widmet. 1886 wurde der Admiralstab als eigenes Korps wieder aufgelöst, jedoch 1899 als Immediatstelle neu errichtet. Seine jeweilige Bedeutung schwankte sehr stark je nach der Persönlichkeit des Chefs und erreichte 1907 ihren Höhepunkt. In den Jahren bis zum Weltkrieg blieb er bloße Studienbehörde und fand beim Zusammenbruch 1918/19 sein Ende. Nach dem abschließen­den Urteil des Verfassers hat der deutsche Admiralstab während der ganzen Zeit seines Bestehens die politischen Aspekte seiner Tätigkeit unterschätzt und sich zunächst in der Caprivi-Zeit ausschließlich auf tak­tische und in der Tirpitz-Zeit ausschließlich auf strategische Aufgaben beschränkt. Neben den innermilitärischen Faktoren wirkte auch in Preußen-Deutsch­land das parlamentarische Leben und die Abhängigkeit von der Bewilligung der Geldmittel auf die maritime Behördenorganisation ein. Diese Abhän­

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