Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 567 geworden. Es ist dem Verf. zu danken, daß er den Versuch unternommen hat, das Lebensbild des letzten Kaisers der Habsburgermonarchie von den es sowohl in Richtung auf dynastische Verherrlichung als auch in jener auf ätzende Verunglimpfung verzerrenden Verzeichnungen zu befreien. In der vorliegenden Biographie wird dem letzten Herrscher eines großen Reiches und einer schicksalsschweren Vergangenheit jenes Maß an gerechter Wür­digung zuteil, die nach objektiver Wertung der vorhandenen Quellen und einer soweit möglichen unparteiischen Form der Wahrheitsfindung und des geschichtlichen Verständnisses möglich war. Leider war es dem durch eine langwierige Krankheit in seinen Forschungen behinderten Verf. nicht möglich, den von ihm beim Erscheinen der Biographie angekündigten Er­gänzungsband mit dem wissenschaftlichen Apparat, den Anmerkungen und Exkursen und dem Register zu veröffentlichen. Das Fehlen dieses Teiles läßt eine abschließende wissenschaftliche Beurteilung einzelner Teilfragen vorläufig noch nicht zu. Der Kindheit und Jugend und der Heranbildung des jungen Erzherzogs wird in der Biographie sehr breiter Raum zugebilligt. Dem Verf. geht es in diesen mit großer Einfühlungsgabe und Delikatesse geschriebenen Kapiteln vor allem um den Nachweis, daß Karl, wenn auch nicht unmittelbar für den Herrscherberuf bestimmt, doch nicht unvorbereitet war, als ihm das Schicksal die Rolle des Thronfolgers übertrug. Die Kapitel, die Karls Tätigkeit als Thronfolger zum Gegenstand haben, führen unmittelbar über zum geschichtlich wichtigsten Abschnitt des Buches und zugleich zum Höhepunkt in Karls Leben „Als Kaiser und König im Weltkrieg.“ Hier nun ist seine Gestalt unlösbar verbunden mit der historisch so schwer­wiegenden Frage nach den Ursachen des Untergangs der Donaumonarchie und den Fragen nach einer eventuell noch möglichen Wendung der gege­benen politischen Lage. Ob es nach dem Tode des Kaisers Franz Joseph 1916 überhaupt noch möglich war, den inneren Zerfall des Habsburger­reiches aufzuhalten und die Monarchie zu retten, darf mindestens als zweifelhaft gelten. Ob Kaiser Karl die geeignetste Persönlichkeit für diese cheinbar unlösbare Aufgabe war, vermag auch der Verf. nicht zu klären nd behauptet es auch gar nicht, obwohl er sichtlich bemüht ist, alle guten leiten des Kaisers ins rechte Licht zu rücken und die Schwächen möglichst milde zu behandeln. Die inneren Spannungen des Vielvölkerstaates, die durch die Not des Krieges und durch neue politische Ideen wie vor allem durch das von Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker bis zur Zerreißprobe angezogen waren, konnten von dem doch weitgehend in traditionalistisch-dynastischem Denken befangenen Kaiser nicht mehr in einem den politischen Gegebenheiten Rechnung tragenden Umbau des Ge­samtreiches aufgefangen werden. Auch die vom Kaiser persönlich ange­strebten und zum Teil in eigener Regie betriebenen Friedenssondierungen verraten eine Überschätzung der dynastischen Verbindungen und eine falsche Einschätzung der politischen Lage und enthüllen zugleich die fatale Neigung des Kaisers, auf Nebenwegen persönliche Politik zu machen, eine Neigung, die sich dann vor allem in den in den letzten Kapiteln geschilder­ten beiden Restaurationsversuchen in Ungarn für ihn selbst so katastrophal auswirkte. Aber wie gesagt, es kann hier nur der Eindruck wiedergegeben

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