Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

558 Literaturberichte Vorahnung vom „guerrone“, dem großen Krieg, der, wie er wohl genau erkannte, für diese eine Existenzfrage stellen würde. Pius X. war im Gegensatz zu Kardinal Rampolla, der in Österreich einen zum Verfall bestimmten Staat gesehen hat (S. 152), um die Zukunft der Habsburger­monarchie aufrichtig besorgt, in der er bis zuletzt einen Ordnungsfaktor und Garanten christlicher Kultur erkannte. Und als der „guerrone“ wirk­lich losbrach, scheute er sich nicht, dem österreichischen Botschafter gegenüber seine Überzeugung auszusprechen, daß der „Krieg, den Öster­reich-Ungarn führt, ein durchaus gerechter ist“ (S. 151). Wie eine Geisterbeschwörung mutet das der Schilderung des Pontifika­tes Pius’ X. angefügte Kapitel über eine zweite Kandidatur Kardinal Ram- pollas an. Die diplomatischen Auguren wurden jedoch von diesem ihren politischen Alptraum durch das am 17. XII. 1913 erfolgte Hinscheiden des Kardinals erlöst. Mit Benedikt XV., der aus dem Konklave von 1914 als Papst hervoi’- ging, betrat ein Mann die kirchenpolitische Bühne, der den Problemen, die der Weltkrieg für den Vatikan aufwarf, politisch und diplomatisch ebenso gewachsen war, wie er der Funktion des Papsttums als Verkörperung des Friedensprinzipes gerecht wurde. „Die Verbindungen des Hl. Stuhles zu der letzten katholischen Großmacht, die, wie man an der Kurie vielleicht noch klarer als in Wien ersah, im Sommer 1914 in den Kampf um Sein oder Nichtsein eingetreten war, waren in der Tat besonders enge“ (S. 267). Der Papst erkannte die Gefahren, die dem Hl. Stuhl und der Donaumonarchie durch einen Eintritt Italiens in den Krieg drohten, daher sein wahrlich dramatisches Ringen um die Neutralität Italiens und die Konzessionsbereit­schaft Österreich-Ungarns gegenüber den territorialen Aspirationen Italiens speziell in Bezug auf das Trentino. In dieser Phase der Verhandlungen, in der für das Papsttum die „römische Frage“ und für die Monarchie die terri­toriale Integrität in Frage standen, verschmolzen die politischen Interessen der Weltkirche und der katholischen Vormacht zu einer „communion ab- solue“ (S. 245). In den beiden Kapiteln „Italiens Eintritt in den Weltkrieg“ und „Die römische Frage“ vermag der Verfasser entscheidende neue Leit­linien der österreichischen und vatikanischen Politik aufzuzeigen, die den ganzen Fragenkomplex des Verhältnisses beider Mächte zu Italien in völlig neuer Sicht heraussteilen. In diesen schwierigen Verhandlungen gewinnt die Persönlichkeit des Papstes ein überragendes Profil. In der heiklen Stellung zwischen den kriegführenden Parteien wächst der „Politische Papst“ zu wirklich historischer Größe, die keine Minderung erleidet durch den Fehlschlag der großen Friedensbemühung, der ein großer und wich­tiger Abschnitt des Buches gewidmet ist. Die päpstliche Friedensnote vom 1. August 1917 bleibt ein welthistorisches Dokument, es ins rechte Licht gerückt zu haben, ist einer der vielen Vorzüge dieses Buches. Zusammenbruch und Wiederbeginn, freilich unter ganz anderen Voraus­setzungen, bilden den Ausklang des Werkes. Die Wiederaufnahme der Be­ziehungen mit der Republik Österreich nach dem Untergang der Monarchie kommt einem Neubeginn gleich und aus den neuen Dokumenten ist nicht mehr der Herzschlag der katholischen Großmacht zu spüren, die Österreich dui’ch Jahrhunderte war und blieb bis zum Ende.

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