Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 557 archie geändert und wenn auch eine der ersten großen Reformen des neuen Papstes Pius’ X. eine Papstwahiordnung und die Abschaffung eben jenes Exklusionsrechtes war, dem er doch aller Wahrscheinlichkeit nach die Wahl verdankte, so war die päpstliche Konstitution „Commissum Nobis“ (S. 52) weder gegen Österreich gerichtet, noch wurde sie als die gegenseitigen Beziehungen belastender Akt empfunden. Bereits nach einem Pontifikats­jahr Pius’ X. wil'd der Wandel in den gegenseitigen Beziehungen von öster­reichischer Seite als ein grundlegender dokumentiert: „der Haß gegen den Dreibund ist geschwunden und Österreich-Ungarn kann sich heute beruhigt sagen, daß es die ihm gebührende Stellung in der Politik der Kirche voll und ganz zurückerhalten hat“ (S. 55). Nachdem Frankreich von sich aus das Band, das es seit Jahrhunderten mit dem päpstlichen Stuhle verknüpfte, zerrissen hatte (1904), war Österreich-Ungarn das stärkste Bollwerk des Glaubens, das der Kirche geblieben war und dieser Situation trugen beide Seiten Rechnung und auf dieser Basis waren die Beziehungen zwischen beiden Mächten im letzten Dezennium vor Ausbruch des Krieges ausgespro­chen harmonische trotz gelegentlicher Spannungen und Wirrnisse, die, wie das glänzend geschriebene 3. Kapitel über die „Vier Fälle“ beweist, nie in ausgesprochene Dissonanz ausklangen. Diese „Vier Fälle“ —• Resignation des Fürsterzbischofs Kohn von Olmütz, Promotion des Dr. Samassa zum Erzbischof von Erlau, die Wahrmund- und die Feilbogen-Affaire — boten zwar den Diplomaten ausgiebig Stoff für ihre Berichterstattung in einer Zeit politischer Flaute unter einem unpolitischen Papst, sie trafen aber kaum einen Lebensnerv in den beiderseitigen Beziehungen. Pius X., für den „Politik nur ein notwendiges Übel seiner Weltherrschaft“ (S. 111) bedeutete, war vor allem bestrebt, die weltweite Mission der Kirche bei allen Völkern in gleicher Weise zur Geltung zu bringen. Die „römische Frage“, unter Leo XIII. noch ein brennendes politisches Problem, verlor unter seiner auf den inneren Aufbau des kirchlichen Lebens gerichteten Leitung viel von seiner politischen Sprengkraft; in der die Donaumonarchie in ihren Grundfesten erschütternden Nationalitätenfrage war er in aufrichtiger Sorge um die Erhaltung der Monarchie als Bollwerk des Glaubens gegen den von Osten drohenden Vormarsch der russischen Orthodoxie ehrlich bestrebt, allseits Öl auf die hochgehenden Wogen der nationalen Leiden­schaften zu gießen. Freilich, der großen Sendung dieses heiligen Papstes, ausgeprägt in seinem Wahlspruch „Omnia instaurare in Christo“', mit dem Hauptakzent auf der inneren Reform der Kurie, der liturgischen und eucha- ristischen Erneuerung, vermögen die österreichischen Diplomaten, eben weil sich diese Dinge jenseits der politischen Sphäre vollzogen, nicht so recht zu folgen. Die großen religiösen Streitfragen über den Modernismus und Integralismus werden, wie nicht anders zu erwarten, nur am Rande gestreift. Und doch bedeuten gerade diese Kapitel über Pius X., dessen Lebensbild weitgehend mit dem Schlagwort vom unpolitischen Papst be­haftet ist, eine wesentliche Korrektur dieser Meinung, bestätigen sie doch, daß auch er, der Unpolitische, sehr wohl verstand, die Politik im besten Sinne des Wortes seinen höheren Aufgaben und Zielen dienstbar zu machen. Die Haltung des Papstes zur Monarchie der Habsburger war nicht zuletzt bestimmt von seiner fast die ganze Zeit seines Pontifikates überschattenden

Next

/
Oldalképek
Tartalom