Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780

Rezensionen 551 Der letzte Teil ist den langwierigen und vielverschlungenen Verhand­lungen zwischen der Gefangennahme Napoleons und dem Abschluß des Waffenstillstandes gewidmet, in denen Bismarck offenbar tatsächlich an die Möglichkeit geglaubt hat, Napoleon erneut in Frankreich auf den Thron zu bringen und ihm zur Niederringung der republikanischen Opposition zu verhelfen, ohne daß er bereit war, auf die Forderung nach Abtretung Elsaß-Lothringens zu verzichten. An dem Scheitern dieser Pläne zeigt sich deutlich, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. eben doch nicht mehr reine Kabinettspolitik im Stile des 18. Jhdts. über die Köpfe der Völker hinweg möglich war. Trotz alles diplomatischen Geschickes ist es Bismarck ja auch dann in den folgenden Jahrzehnten nicht gelungen, das französische Volk zu einem Verzicht auf die beiden Provinzen zu bewegen — ein Problem, das er ungelöst seinen Nachfolgern überlassen mußte und das schließlich noch zur Entfesselung des ersten Weltkrieges wesentlich beigetragen hat. Wieviel mehr mußte der Versuch scheitern, Napoleon mit einer solchen Hypothek belastet mit fremder Unterstützung auf den franzö­sischen Thron zurückzuführen. Sehr anregend sind die Schlußbetrachtungen des Buches, in denen Geuss Parallelen zwischen Napoleon und Bismarck untersucht. Der napoleo- nischen plebiszitären Monarchie stellt er bei Bismarck die Überlegungen bezüglich des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes in Preußen 1863/64 mit dem Ziele einer Entmachtung der bürgerlich-liberalen Majorität des Abgeordnetenhauses, den Reformvorschlag vom 9. April 1866 für den Deutschen Bund und 1867 für den Norddeutschen Bund gegenüber, wobei es sich beiderseits nur um ein taktisches Mittel, nicht um die grundsätzliche Anerkennung der Volkssouveränität gehandelt habe. Auch Bismarcks Nei­gung zum Oktroy stellt eine Parallele zu Napoleon dar. Außenpolitisch besteht die Verwandtschaft darin, daß für beide Staatsmänner in einer Zeit leidenschaftlicher nationaler Strömungen allein die Staatsräson ent­scheidend blieb. Die nationalen Kräfte wurden nur als Werkzeug benützt, ihr Überhandnehmen aber als gefährlich betrachtet. Der Staat soll ein eigenständiges, rationales Machtgebilde bleiben und nicht mit der Nation in eins gesetzt werden. Ein Literaturverzeichnis rundet diesen sehr bedeutsamen und durch­wegs auf gründlicher Quelleninterpretation basierten Beitrag zur Bismarck- Forschung ab. Über die eigentliche Themenstellung hinaus bietet Geuss auch noch wichtige Beiträge zur Erkenntnis der Person und der Politik Bismarcks und seines Gegenspielers Napoleon. Walter Wagner (Wien) Hasel mayr Friedrich, Diplomatische Geschichte des zweiten Reichs von 1871—1918. I. TI. Die Ära des Friedenskanzlers (1871—1890), Buch 1: Von russischer Freundschaft zu russischem Groll (1871—-1878). Bruckmann, München 1955, 188 S., 8 Tafeln. Sooft zu der bereits kaum mehr überschaubaren Zahl von Publikationen über die Geschichte des Zweiten Reiches ein weiterer Band erscheint, wartet man gespannt, ob darin etwa neues Quellenmaterial verarbeitet ist — z. B. aus den in der Großen Politik nicht aufgenommenen Akten des

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