Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)
PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780
550 Literaturberichte bemerkbar, deren Wirkung Bismarck allerdings zunächst paralysieren konnte. Durch den Sturz Moustiers, der auch mit den Schwierigkeiten in Spanien zusammenhing, sowie noch mehr durch die Neuwahlen in Frankreich, welche die orleanistisch-legitimistische Opposition fast zum Verschwinden brachten, schienen die friedlichen Aussichten verstärkt, zumal das Empire libéral unter Ollivier und dem Außenminister Daru bestrebt war, durch liberale Reformen die Unzufriedenheit aufzufangen und so die Basis der napoleonischen Herrschaft zu verbessern. In der deutschen Frage waren die neuen Minister ebenso wie der Kaiser bestrebt, den Nationalkrieg zu vermeiden, dabei aber doch die deutsche Einigung möglichst zu verzögern. Nicht ganz einsichtig ist die Bemerkung des Verfassers, der von England, Österreich und Frankreich vorgebrachte Abrüstungsplan zeige deutlich, daß man in Paris selbst noch immer mit der Möglichkeit eines Krieges rechnete und beizeiten gewisse Vorbereitungen traf (S. 250). Anschließend rollt Geuss die heftig diskutierte Frage der spanischen Thronkandidatur neuerlich auf und versucht die in der Literatur meist vertretene und auch durch spätere Äußerungen Bismarcks in den Gedanken und Erinnerungen gestützte Ansicht zu widerlegen, er habe mit der Kandidatur bewußt einen Krieg zur Einigung Deutschlands herbeiführen wollen. Zweifellos richtig ist schon nach den vorhergehenden Ergebnissen der Untersuchung, daß Bismarck damit nicht den Sturz Napoleons herbeiführen wollte. Sonst hätte er schwerlich dann während des Krieges immer wieder versucht, seine Rückkehr zu ermöglichen. Geuss vertritt die Ansicht, Bismarck habe durch Befürwortung einer Annahme des spanischen Thrones durch die Hohenzollern und die damit verbundene Bedrohung Frankreichs im Rücken nur der französischen Kriegspartei den Mut zu offensivem Vorgehen nehmen wollen. Nur durch vorzeitiges Bekanntwerden sowie die schwankende Haltung der Hohenzollern und der spanischen Regierung sei diese Absicht fehlgeschlagen, was Bismarck an den Rand einer Niederlage gebracht habe. Wenn dies richtig ist, so würde es freilich dem Weitblick Bismarcks kein gutes Zeugnis ausstellen; denn selbst ein flüchtiger Blick auf die europäische Geschichte der Neuzeit hätte ihm doch zeigen müssen, wie Frankreich durch Jahrhunderte hindurch auf die ähnliche Situation einer Umklammerung durch das Haus Habsburg reagiert hatte. Zudem ließ gerade damals die Berufung des Preußenfeindes Gramont zum Außenminister ein Schwanken in der friedlichen Haltung Napoleons erkennen. Dieses Ereignis habe nun Bismarck veranlaßt, die spanische Kandidatur noch energischer zu betreiben. Sobald Gramont davon erfuhr, trachtete er unter allen Umständen einen Sieg über Preußen zu erringen und es offen zu demütigen, zumal es sich um eine dynastische Frage handelte und er daher hoffen durfte, es nur mit Preußen allein, nicht aber mit einem gesamtdeutschen Nationalgefühl zu tun zu haben. Geuss glaubt sogar, daß die spanische Kandidatur für Gramont nur der geeignete Anlaß war und die Angelegenheit als solche eigentlich in den Hintergrund trat — wohl eine ähnliche Täuschung wie diejenige, der Bismarck selbst unterlag. Durch die drohende Kammerrede des Außenministers kam die öffentliche Ehre ins Spiel und ein Bruch war unvermeidlich.