Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

LENZENWEGER, Josef: Der geistliche Protektor der deutschen Nationalkirche und des Priesterkollegs Sta. Maria dell'Anima in Rom

D. geistl. Protektor d. deutschen Nationalkirche u. d. Priesterkollegs usw. 389 Anspruch genommen war, als daß er sich den Geschäften der Anima entsprechend hätte widmen können. Umso mehr wuchs der Einfluß des Rektors. Zur Zeit von Jacobinis Tod 53) stand das Stimmungsbarometer schon wieder etwas besser. Diesmal wurde zwar noch nicht direkt durch die Kurie mit Wien Verbindung aufgenommen, aber immerhin benützte man den Rektor der Anima, Dr. Franz Doppelbauer als Mittelsmann. Kardinal Josef Hergenröther war vom Papst als Protektor vorgesehen. Botschafter Ludwig Graf Paar empfahl eindringlich die vorgeschlagene Person. Kein Wort von Verstimmung wurde laut54). Der Kaiser war einverstanden55) und erst am 9. Juni wurde der Kardinal-Protektor ernannt56 *). Einer der tüchtigsten österreichischen Diplomaten in Rom war zweifellos Friedrich Graf Revertera (1888—1901). Er wurde sofort aktiv, als Kardinal Hergenröther verstarb67). Da es Herkommen sei, daß bei der durch den Papst erfolgenden Neuemennung etwaige Wünsche der k. u. k. Regierung Berücksichtigung fänden, bat er um Wei­sungen. Als Kandidaten nannte er 1) Mieczyslaw Halka Graf von Ledó- chowski, der zweifellos als der geeignetste erscheine; da er aber vor kurzem aus Gesundheitsgründen ein anderes Protektorat zurückgelegt habe, sei anzunehmen, daß er kein neues auf sich nehmen werde; 2) Gaspard Mer- millod wird demnächst in Rom seinen Wohnsitz aufschlagen; 3) Gaetano Aloisi-Masella, früher Nuntius in München, der sich unter den Italienern am meisten empfehle58). In einer vertraulichen Mitteilung kam das prak­tische Ausscheiden Ledóchowskis zur Kenntnis, wurde Mermillod abgelehnt, weil er nicht einmal einen deutschen Namen habe und im Kulturkampf als Gegner Deutschlands eine Rolle gespielt habe59). Der Botschafter sprach sich nun für Aloisi-Masella aus. Revertera fragte also den in Aussicht Ge­nommenen, ob er auch anzunehmen bereit sei. Als er dessen Zusage hatte, begab er sich am 13. Jänner 1891 zum Staatssekretär Mariano Rampolla del Tindaro, um ihm folgendes Anliegen vorzutragen: Er möge den Heiligen Vater fragen, ob er mit einer solchen Wahl einverstanden sei und ob er ge­neigt wäre, den Kandidaten nach Einholung der Genehmigung des Kaisers zu ernennen 60). Das war der geschickt aufgezogene Versuch Österreichs auf einem Umweg doch auch das Ernennungsrecht für den Kardinal-Protektor praktisch auszuüben. Rampolla, der, wie auch aus späteren Äußerungen er­as) 28. Februar 1887. 54) IV 23, Paar an Kälnoky (Or. StA Adm. Reg. F 26/41). as) V 1, Vortrag Kálnokys beim Kaiser (Or. ebd.); V 4, Unterschrift des Kaisers (Or. ebd.). 5(i) VI 6, Paar an Kälnoky (Or. StA ebd.); VI 13, Doppelbauer an un­bekannten Adressaten (Or. A.A.). «D 3. Oktober 1890. 58) 1890, XI 4, Revertera an Kälnoky (Or. StA Adm. Reg. F 26/4). 59) XII 9, Kälnoky an Revertera (Or. StA u.A.). 8») 1891, I 17, Revertera an Kälnoky (Or. StA Adm. Reg. F 26/4).

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