Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

LENZENWEGER, Josef: Der geistliche Protektor der deutschen Nationalkirche und des Priesterkollegs Sta. Maria dell'Anima in Rom

390 Lenzenweger sichtlich ist 61), vom Untergang Österreichs überzeugt war, durchschaute die Taktik. Zwei Tage später hatte der Botschafter die Note in Händen00), durch die höflich mitgeteilt wurde, daß Aloisi-Masella ernannt sei62 *). Das war überraschend. Wien hielt es jedoch für richtiger, die vorherige Anfrage Reverteras vom 13. schon als offiziös zu betrachten und den Botschafter nur zu beauftragen, gelegentlich freundlich darauf hinzuweisen, daß die Vorgangsweise eigentlich nicht ganz der Note vom 22. März 1859 konform seiB3). Als Aloisi-Masella am 23. November 1902 infolge eines Schlaganfalls plötz­lich verstorben war 64), war Botschafter Nikolaus Graf Szécsen von Temerin sofort emsig am Werk, um die Stelle eines Protektors nach den Wünschen Österreichs wieder besetzt zu sehen. Nach den bisherigen Gewohnheiten und auch aus praktischen Gründen sollte dieser in Rom residieren; man sei bisher auch darauf bedacht gewesen, einen Kardinal zu wählen, der deut­scher Abstammung oder wenigstens Nuntius in Österreich-Ungarn oder in Deutschland gewesen sei. Unter Berücksichtigung der erwähnten Bedin­gungen scheine ihm für das Ehrenamt, „das keinen directen Einfluß auf die Leitung der Anima gibt“, Kardinal Andreas Steinhuber am geeignet­sten. Er gehöre zu den einflußreicheren Mitgliedern des Kollegs, sei in der Diözese Passau geboren und habe als ehemaliger Rektor am Collegium Germanico-Hungaricum vielfache Beziehungen zum deutschen Klerus. Ob­wohl er früher Mitglied des Jesuiten-Ordens gewesen sei, müsse man nicht befürchten, daß er seine Stellung mißbrauchen werde. Der Vollständigkeit halber erwähnt er noch Kardinal Antonio Agliardi, der Nuntius in Wien gewesen war, und Kardinal Serafino Vanutelli, der bereits Protektor des Campo Santo und von S. Girolamo sei und daher für eine dritte gleichartige Stelle nicht in Frage komme65 66). Auch in Wien schloß man sich sofort der Meinung des Botschafter beim Hl. Stuhl an und gab telegrafisch den Auftrag, für die Ernennung Stein­hubers einzutreten. Sollte es aber Hindernisse geben, so wurde eine vor­herige Mitteilung des Kandidaten zur Rückäußerung erbeten68). Rampolla war über die Mitteilung Szécsen sichtlich befriedigt. Er gab der Überzeugung Ausdruck, daß der Papst sicher gerne die Ernennung Steinhubers vollziehen werde67), was am 24. Jänner 1903 geschehen ist68). 61) Vgl. Ludwig v. Pastor, Tagebücher — Briefe — Erinnerungen, hsg. v. Wilhelm Wühr (Heidelberg 1950), S. 362. 62) I 15, Abschrift StA u.A. 65) I 24, Kálnoky an Revertera (Konz. StA Adm. Reg. F 26/4). 64) 1902, XI 25, Szécsen an den Minister d. kais. Hauses und des Äußeren Agenor Graf Goluchowski von Goluchowo (Or. StA Pol. A. 242). 66) XII 2, Szécsen an Goluchowski (Or. StA Adm. Reg. F 26/42). 66) XII 6, Goluchowski an Szécsen (Konz. ebd.). 67) XII 16, Szécsen an Goluchowski (Or. ebd.). 88) Rampolla an Szécsen (Or. ebd.).

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