Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780
512 Literat urberichte Auf jeden Fall aber war es eine glückliche Idee, die Gestalt dieses bedeutenden Mannes auch für ein breiteres Publikum Wiedererstehen zu lassen; eines Mannes, der an der Entwicklung einer neuen, innerstaatlichen Freiheitsgesinnung, zunächst in einem scheinbar liberalen Sinne, letzten Endes aber aus einer wahrhaft konservativen Gesinnung heraus so bedeutsamen Anteil genommen hat. Sehr glücklich formuliert der Autor: „Nicht Gleichheit, sondern Freiheit und diese in den Grenzen von Glaube und Geschichte war Steins Forderung an sein Jahrhundert“ (S. 110); man würde vielleicht gar nicht so schlecht fahren, wenn man sie auch für das 20. Jahrhundert akzeptieren würde. Joh. Christoph Allmayer- Beck (Wien). O b r y Olga, Grüner Purpur. Brasiliens erste Kaiserin Erzherzogin Leopoldine. Rohrer Verlag, Wien-Innsbruck-Wiesbaden 1958, 314 Seiten und 2 Stammtafeln. S 180.—. In den letzten Jahren hat sich die brasilianische Öffentlichkeit wiederholt mit der Persönlichkeit der ersten Kaiserin Brasiliens, der österreichi- chischen Kaisertochter Leopoldine, beschäftigt. Vor allem gedachte man Leopoldines um ihres Anteils am Zustandekommen der Unabhängigkeitserklärung wegen, den die brasilianische Geschichtsschreibung schon erkannt und gewürdigt hatte. Im Gegensatz zu Brasilien ist Leopoldine in ihrer österreichischen Heimat nahezu vergessen. Auch in Wien, dessen naturhistorische Sammlungen ihr so viel verdanken. Wurde doch die mit großem Pomp 1817 gefeierte brasilianische Hochzeit, die die viel bescheidenere ihrer Schwester Marie Louise weit in den Schatten stellte, der Anlaß zur Entsendung wissenschaftlicher Expeditionen nach Brasilien. Leopoldine selbst hat viele Pflanzen und Tiere nach Wien geschickt. Vorübergehend gab es in Wien sogar ein eigenes brasilianisches Museum, in dem die reiche Ausbeute der brasilianischen Fauna und Flora zur Schau gestellt wurde. Aber nicht nur Museumsstücke, auch Landschaftsbilder und Aquarelle, in denen die Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt Brasiliens eingefangen ist, besitzen die Wiener Sammlungen in der einzigartigen Kollektion Thomas Enders, die noch heute den Stolz der Akademie der bildenden Künste bildet. In dankenswerter Weise haben nun eine Brasilianerin und ein österreichischer Verlag die Publikation der ersten deutschsprachigen Biographie Leopoldines unternommen. Die Verfasserin hat das reiche Quellenmaterial, die umfangreichen Korrespondenzen Leopoldines mit Eltern und Geschwistern in den brasilianischen, österreichischen und französischen Archiven verarbeitet. Es sind vor allem die zahlreichen Briefe Leopoldines von ihrer frühen Kindheit bis zum Tode, die hier, vielfach sogar im Wortlaut, zum Leser sprechen und ihn einführen in dieses Leben, das nur kurz währte. Aus diesen Briefen wird die Persönlichkeit Leopoldines sichtbar, die keine große Herrscherin wie ihre Urgroßmutter Maria Theresia, aber auch keine Intellektuelle, sondern ein Mensch war, der sich seiner Pflichten gegenüber der sozialen Schichte, der er angehörte, voll bewußt war. Leopoldine war ein Kind des ancien régime, das ist nicht zu leugnen. Sie hat aber doch genug Anpassungsfähigkeit besessen, um sich in ihrer neuen Heimat mit konstitutionellen Formen abzufinden. Ihre Ehe scheiterte zwar, aber das