Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780
494 Literaturberichte von österreichischer Seite am Platz, warum man sich in Wien schon lange vor den Römischen Protokollen einer engeren Zusammenarbeit mit Prag widersetzte. Die wenigen im Guido-Schmidt-Prozeß zutage geförderten Hinweise werden vom Verf. berücksichtigt. Obwohl sich eine dauernde Fühlungnahme Berlins mit der Sudetendeutschen Partei nachweisen läßt, hält es C. nicht für erwiesen, daß Henlein gleich von seinen politischen Anfängen an im Dienste des Dritten Reiches stand. Interessant ist die Mitteilung (S. 120) über eine Kontaktaufnahme der Sudetendeutschen Partei mit Wien in den Wochen vor dem Anschluß Österreichs. Hitler selbst ging es in der Sudetenfrage weniger um die Menschen als um den Raum, der für ihn vor allem strategische, vorwiegend defensive Bedeutung hatte. Hervorzuheben sind auch die Ausführungen (S. 145) über die Haltung Prags zur Anschlußfrage. Benes dürfte immerhin bis 1935 den Anschluß einer Habsburger-Restauration vorgezogen haben. Vom Zeitpunkt des Anschlusses Österreichs an wird die Darstellung sehr ausführlich. Der Verf. untersucht zunächst die Stellung der europäischen Großmächte zur tschechoslowakischen Frage, wobei auch Amerika immer berücksichtigt wird. Überhaupt ist festzustellen, daß C. sein Hauptaugenmerk den diplomatischen Vorgängen zuwendet und die innere Entwicklung in der CSR. erst in zweiter Linie behandelt. Es ist für einen Tschechen verständlich, daß er die westlichen Staatsmänner scharf kritisiert. Die persönliche negative Bedeutung Chamberlains dürfte er dabei wohl überschätzen. Auch scheint mir die Vermutung, daß der englische Politiker im Ernst hoffte, durch sein Nachgeben in Mitteleuropa Hitler von seinen kolonialen Forderungen abzubringen, nicht gerade wahrscheinlich. Entgegen der bisherigen Auffassung ist C. eher geneigt, die Rolle der Regierung Daladier in der Appeasement-Politik als zweitrangig zu beurteilen. Ausschlaggebend blieb London, wenngleich Frankreich unter dem neuen Kabinett seit April 1938 williger folgte. Besonders hervorzuheben ist die Haltung der Sowjetunion. C. erblickt bereits in der Ablehnung des Konferenzvorschlages Litwinows im März 1938 durch die Westmächte den Grund für die radikale Wendung der russischen Außenpolitik vom Sommer 1939. Die tschechoslowakische Teilmobilmachung vom Mai 1938 bezeichnet C. als den ersten und letzten Versuch der CSR., sich dem Zwang der Großmächte zu entziehen. Obwohl es erwiesen ist, daß zu diesem Zeitpunkt keine unmittelbaren deutschen Angriffsabsichten bestanden, hält der Verf. die Tschechoslowakei für hinlänglich bedroht und eine solche Maßnahme für gerechtfertigt. Er bestreitet auch, daß die Mai-Krise die weiteren Entschlüsse Hitlers wesentlich beeinflußt habe. Die Widerstände innerhalb Deutschlands gegen Hitlers Angriffspläne werden in ihrer Bedeutung richtig beurteilt. Die Mission Runcimans diente in erster Linie dem englischen Ziel, Hitler ohne Krieg zu befriedigen. Sie mußte infolge der alsbald sich überstürzenden Ereignisse erfolglos bleiben. Die letzten Phasen der Entwicklung vor München schildert C. mit minutiöser Genauigkeit, immer wieder das Schwergewicht auf die weltpolitischen Zusammenhänge legend. Die