Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780
Rezensionen 495 Vereinigten Staaten werden von Chamberlain ausgeschaltet und nur fallweise zur Unterstützung seiner Appeasement-Politik herangezogen. Ebenso bleibt die Sowjetunion in der Isolierung, nachdem die französisch-sowjetischen Verhandlungen gescheitert waren. Auch hier nimmt die Frage eines eventuellen Vormarsches der Roten Armee durch rumänisches Gebiet Probleme vorweg, die ein Jahr später die Haltung der UdSSR, in der Polenkrise bestimmen sollten. C. weist auch nach, daß die Zusammenarbeit zwischen Prag selbst und Moskau im Gegensatz zu den Behauptungen der Goebbels-Propaganda minimal waren. Er dürfte dabei freilich (S. 442) das Gewicht der sowjetischen Drohung an die Adresse Polens vom 23. September 1938 unterschätzen. Die Münchner Konferenz selbst wird vom Verf. nur mit großer Bitterkeit gezeichnet, Bitterkeit vor allem über die westlichen Verbündeten der Tschechoslowakei. Angesichts der maßlosen Forderungen Hitlers wurden dem Dritten Reich nur formale Zugeständnisse abgerungen. Aber auch die Haltung der Sowjetunion wird als heuchlerisch charakterisiert. Die Untersuchung bringt über das Thema hinaus eine Fülle kluger Beobachtungen und interessanter Erörterungen von Einzelfragen, wie (S. 177) den Vergleich der nationalsozialistischen mit der kommunistischen Diktatur oder (S. 144, Anm. 1) die Kritik an den phantastischen Behauptungen von Emil Franzei über das Verhalten Benes am Tag des deutschen Einmarschs in Österreich und die nahezu eine eigene Abhandlung bildenden Ausführungen über die Hintergründe der Tuchatschewskij-Affäre (S. 89 f., Anm. 2, und S. 97). Die Angaben über die innere Entwicklung in Österreich 1934 (S. 137 f.) sind etwas wirr. Der Text des Münchener Abkommens wird mit allen Zusätzen und mit Kartenskizzen im Anhang wiedergegeben. Zum Schluß dieser gründlichen Arbeit, die alle bisher vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen des Stoffes hinter sich läßt, weist der Verf. darauf hin, daß die konservativen, auf die Geldaristokratie gestützten Regierungen Westeuropas in der tschechoslowakischen Frage eher mit Hitler ein Einvernehmen hersteilen konnten als mit dem bolschewistischen Rußland. Kurz nach dem Erscheinen des vorliegenden Buches kam eine tschechoslowakische Aktenpublikation zum selben Thema heraus, die — bei eindeutiger Tendenz in der Auswahl — beweisen soll, daß auch die regierenden Kreise in Prag selbst vor einer sowjetischen Hilfe zurückschreckten. Es fragt sich, ob eine von außenpolitischen Aspekten bestimmte Betrachtungsweise dem historischen Phänomen der Sudetenkrise von 1938 gerecht werden kann und ob nicht in den entscheidenden Phasen des diplomatischen Spieles Beweggründe verborgen bleiben, die sich aus der Lage der Nationalitäten in der CSR. erklären lassen. Obwohl C. die schweren Verstöße gegen das Selbstbestimmungsrecht seitens der Tschechoslowakei und ihrer Verbündeten in den zwanzig Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aufzeigt, geht er nie näher auf die Frage ein, ob die Westmächte nicht durch ein schlechtes Gewissen vor der öffentlichen Meinung in ihren eigenen Ländern in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt wurden. Der Verf. erblickt daher auch in München bereits den Anfang einer neuen Epoche,