Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MECHTLER, Paul: Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861–1942)

Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861—1942) 411 Wenige Tage darauf wurde Generalmajor Fischer nach Jassy gebracht, wo er überwacht wurde; nach Mitteilungen in Czernowitz sollte er in straf­gerichtliche Untersuchung gezogen werden. Es wurde ihm zur Last gelegt, daß er angeblich im Jahre 1914 bukowinische Rumänen habe auf hängen lassen und die Rumänen überhaupt verfolgt habe. Die Chancen des Pro­zesses wurden in Czernowitzer rumänischen Kreisen für Fischer ungünstig beurteilt. Leider hatte ich noch keine Stelle gefunden, die sich kompetent fühlen würde, für diesen so verdienten österreichischen General bei der rumänischen Regierung zu intervenieren. Am 13. November kam der von mir am 1. November nach Wien ent­sendete Kurier zurück und überbrachte mir die Genehmigung meiner An­träge; tatsächlich war ich so vorgegangen, wie ich es beantragt hatte. Einige Tage später teilte mir Flondor brieflich mit, der große rumäni­sche Generalstab habe das rumänische Armeekommando in Jassy beauf­tragt, mich zu verhaften! Er habe dagegen erfolgreiche Einsprache er­hoben, rate mir angesichts der Unsicherheit in Galizien vorläufig von der Abreise ab und werde sich bemühen, mich in ehrenvoller und sicherer Weise nach dem Westen zu bringen. Durch den Überbringer ließ er mir mitteilen, daß er bei der Wertschätzung, die er für mich hege, mit seiner Person für meine Sicherheit bürge. Den am 22. November für mich bestimmten Sonderzug konnte ich wegen einer inzwischen eingetretenen schweren Erkrankung nicht benützen. Noch einmal wollte mich das rumänische Militär verhaften lassen, beidemal wurde es durch Flondor verhindert. Es befremdet, daß die Reichsrumänen sogar nach Abschluß des Waffen­stillstandes einen Landespräsidenten verhaften wollten, der bis zum letzten Momente die besten Beziehungen zu ihren konnationalen Brüdern in der Bukowina hatte. Erklärlich wurde es, wenn man bedenkt, wie viel Personen zu mir pil- gerten, obwohl ich nur persönlich gute Bekannte empfing; Mekka nannte ein Rumäne meinen Zufluchtsort und ein anderer sagte mir offen, man fürchte meinen großen Einfluß. Nach meiner Genesung stellte mir Flondor einen Sonderzug bei, mit dem ich am 20. Dezember mit 120 Bukowinern in Wien einlangte. Manche Leute, von denen man es nicht hätte vermuten sollen, haben Österreich allzu rasch vergessen und fühlen sich schon ganz als Reichs­rumänen. Trotzdem aber fand ich — nicht bloß in deutschen Kreisen, die sehr unglücklich und tief zu bedauern sind — bei hoch und nieder viel Treue. Groß ist die Zahl jener, die auch heute noch um Kaiser und Öster­reich weinen und trauern. Von den vielen rührenden Geschichten, die er­zählt werden, will ich nur die folgende erwähnen, die den Vorzug hat, zweifellos wahr zu sein: Ukrainische Bäuerinnen knieten sich vor dem Austria-Denkmal, das zur Erinnerung an die hundertjährige Zugehörigkeit der Bukowina zu öster-

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