Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
MECHTLER, Paul: Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861–1942)
Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861—1942) 407 festes gebildeten reichsrätlichen Nationalrates zu sein. Aber Serbu gehörte bereits dem Nationalrat Flondors an; Hormuzaki schloß sich weder an eine noch der anderen Partei an und Grigorovici wartete zu, wo das längere Ende sein werde. Die Abgeordneten von Isopescul und Simionovici endlich hatten vergeblich versucht, in die Bukowina zu kommen. Für Onciul sprach, daß er die Bukowina als österreichischen Bundesstaat übernehmen wollte; immerhin war seine Legitimation eine schwache, überdies hatte er wegen der Betonung des österreichischen Gedankens fast keine Anhänger mehr unter den Rumänen. Bei dieser Sachlage entschloß ich mich dafür, die Regierung möglichst lange beizuhalten und das gewagte Experiment mit Onciul erst im äußersten Notfall zu machen. Diese Lösung schien mir auch am besten meinen beiden Prinzipien zu entsprechen; die Interessen des mir nur mehr als Treuhänder anvertrauten Landes auf das beste zu bewahren und bis zum letzten Moment als österreichischer Beamter zu handeln. Popovicz und Onciul einigten sich tatsächlich und verlangten von mir am 3. November abends die Regierungsgewalt. Ich lehnte ab und überzeugte im darauffolgenden Gespräche Popovicz von der Richtigkeit meines Vorgehens. Vor und nach dieser Unterredung erhielt ich vom Gendarmeriekommandanten für Galizien und die Bukowina, Generalmajor Fischer, eine Hiobspost nach der anderen über die Sicherheitsverhältnisse im Lande, für die er keine Verantwortung mehr übernehmen könne. Da aber die Nachrichten der Bezirkshauptmänner nicht schlechter lauteten, der Bericht des Polizeidirektors beruhigend war, und dies mit meinen Wahrnehmungen übereinstimmte, ließ ich mich nicht beirren. Tatsächlich erwies sich später die Meldung Fischers, wenigstens soweit sie sich auf Czernowitz bezog, als unrichtig. Am 4. November wurden aus Anlaß des a. h. Namensfestes über meinen Auftrag im ganzen Lande offizielle Gottesdienste abgehalten. Nur in der griechisch-orientalischen Kathedralkirche in Czernowitz wurde der Gottesdienst in letzter Stunde unter dem Vorwände, das Chorpersonal sei wegen der Unsicherheit auf den Straßen ausgeblieben, abgesagt; dasselbe war in zwei oder drei griechisch-orientalischen Kirchen am Lande der Fall. Die Gottesdienste in der Stadt waren sehr rührend, die Gläubigen schluchzten und weinten um den Kaiser und Österreich. Bemerkenswert ist, daß in der römisch-katholischen Pfarrkirche in Czernowitz Prälat Schmid eine hochpatriotische Rede für Kaiser und Österreich hielt. An demselben Tage hatte ich eine Zusammenkunft mit Jancu von Flon- dor. Ich teilte ihm die Vorgänge des vergangenen Abends mit und suchte eine Einigung mit den Ukrainern herbeizuführen. Dieser Versuch schlug