Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MECHTLER, Paul: Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861–1942)

408 Paul Mechtler fehl; Flondor ersuchte mich, die Regierung möglichst lange fortzuführen und teilte mir, was ich auf vertraulichem Wege bereits erfahren hatte, mit, daß er Boten nach Jassy gesendet und Rumänien gebeten habe, zwecks Herstellung der Ordnung und zum Schutze der rumänischen Brüder in der Bukowina einzurücken. An diesem Tage mehrten sich die Nachrichten über Unruhen in den rumänischen Bezirken, überall waren die militärischen, an einigen Orten auch die zivilen Magazine geplündert worden. Am Abend berief ich die Vertreter der Parteien des aufgelösten Ge­meinderates von Czernowitz zu mir und erklärte ihnen, daß ich bereit bin, im Einvernehmen mit den Nationalräten die fünf Stadtratsstellen mit aus den einzelnen Nationen entnommenen früheren Gemeinderäten zu beset­zen und ihnen den durch Sozialdemokraten verstärkten Gemeinderat als Beirat beizugeben. Dies wurde für wichtig gehalten, damit auch Czernowitz eine Selbstbestimmung ausüben könne. Wegen der Kürze der Zeit und des Widerstandes der- Rumänen kam es nicht mehr zur Durchführung dieser Maßnahmen. Am 5. November beförderte ich, da das Ministerium des Innern mir diese Ernennungen bereits im Oktober zugesagt hatte, eine große Anzahl von Beamten in die achte und siebente Rangklasse; es waren durchwegs Er­nennungen, aus denen dem Staatsschätze keine Kosten erwuchsen. Diese Ernennungen wurden später auch von der Bukowinischen-Rumänischen Regierung anerkannt. Die Ernennungen sowie die Bewilligung bedeutender Remunerationen teilte ich allen Beamten und Angestellten der politischen Verwaltung in einer Versammlung mit und sicherte ihnen zu, daß ich bei jenen, welche unter einem etwaigen neuen Regime nicht weiter dienen könnten, mit allen meinen Kräften für die Übernahme nach Westen ein- treten werde. An diesem Tage hielt der Landesausschuß seine Abschiedssitzung ab, in welcher alle Landesbeamten pensioniert wurden. Allseits wurde kon­statiert, daß das siebenjährige, nahezu friktionslose Wirken des aus Ver­tretern aller Nationen zusammengestellten Landesausschusses ein Beweis dafür sei, daß auch viele Nationen friedlich nebeneinander leben können. In den rumänischen Bezirken wurden die Unruhen, die vielfach juden­feindlichen Charakter hatten, bedenklicher, die Hilferufe der Bezirkshaupt­männer nach Verstärkung der Gendarmerie immer lauter. Dagegen war in Czernowitz die Sicherheit fast ganz wiederhergestellt; die Bürgerwehr war in Aktion getreten, die Schaffung des bewaffneten Korps machte Fortschritte. Es bestand Hoffnung, in einigen Tagen mit der Entwaffnung beginnen zu können. Mein Plan ging dahin, in dem be- zeichneten Zeitpunkte die in Czernowitz verfügbar werdende Gendarmerie­mannschaft nach Süden zu werfen und dort energisch Ordnung zu machen. In den ukrainischen Bezirken hatte ich ohnedies keine Macht mehr; nur die k. k. Bezirkshauptmannschaften amtierten als solche weiter. Da die Verhältnisse in Waschkoutz unhaltbar wurden, mußte ich am 8. No­

Next

/
Oldalképek
Tartalom