Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika

Konstantin Reitz 297 Fenster weit in die Welt hinaussohauten. Karl Vogts Gletscherarbeiten hatten die ganze Familie in enge Beziehungen zu einem weithin be­kanntgewordenen wissenschaftlichen Unternehmen gebracht, Fragen, die die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt stark erregten, gingen die Hausgenossen infolge der unmittelbaren Beteiligung eines der Ihren persönlich an. Hier, im Lande der ewigen Berge und Gletscher, wehte eine andere Luft als in den dumpfigen, stockigen Kleinstädten des Hessen­landes. Es gab also noch Plätze auf der Erde, wo man nicht ständig von Spitzeln umgeben, nicht fortwährend von Behörden überwacht, nicht durch Vorschriften und Verbote jeder Bewegungsmöglichkeit beraubt war, Länder, wo ein gerader und aufrechter Mann ein würdiges Dasein führen konnte. Im frohen Gefühl dieses Bewußtseins wird Konstantin Reitz von Heimweh verschont geblieben sein; im Gegenteil: die Fremde, die in so vielen Stücken reizvoller war als die Heimat, zog ihn mit geheimnisvollem Zauber immer mächtiger an, und so ist es kein Wunder, daß er nach dem ersten nun auch den zweiten und dritten Schritt in die weite Welt hinaus tat: er nahm die Einladung eines reichen Kaufmanns an und begab sich von Bern nach Marseille, von wo aus er dann auf einem der Schiffe seines Gönners nach Algier fuhr. Ob er diese Reise nur unternahm, um ganz all­gemein seinen Gesichtskreis zu erweitern, oder ob er von vornherein eine bestimmte Absicht damit verband, wissen wir nicht, und auch über den Verlauf der Reise im einzelnen sind wir nicht unterrichtet. Wir erfahren nur, daß er in Algier verschiedene deutsche Ansiedlungen besucht hat, denn die Eindrücke, die er davon empfing, hat er in einem Briefe an Dr. Wil­helm Dieffenbach14) in Darmstadt zusammengefaßt, und dieser hat ihn in der Didaskalia des Frankfurter Journals vom 14. und 15. November 1844 (Nr. 315 u. 316) veröffentlicht. Der Brief untersucht die Lebens­bedingungen und Aussichten deutscher Auswanderer in Algier und gipfelt in einer dringenden Warnung an alle, die etwa mit dem Gedanken spielten, dort eine neue Heimat zu suchen. Diese Arbeit, die ebenso auf umfang­reichen geographischen, ethnographischen und statistischen Studien wie auf eingehender Beobachtung und gründlichen Untersuchungen an Ort und Stelle beruht, ist eine wichtige Urkunde für Konstantins Entwicklung. Der klare Blick, der sich durch äußeren Schein nicht trügen läßt, die Umsicht, die, wo sie Mängel entdeckt, stets auch gleich das Mittel findet, ihnen abzuhelfen, die Fähigkeit, auch ganz fremden Verhältnissen schnell gerecht zu werden, all diese Eigenschaften, denen Reitz seine späteren Erfolge verdanken sollte, sind schon hier deutlich ausgeprägt. Wenn man den Brief 14) Heinrich Wilhelm Dieffenbach (1796—1869), Dr. phil., zuletzt Ober­steuerdirektionsregistrator in Darmstadt, fruchtbarer Schriftsteller auf ver­schiedenen Gebieten, der auch längere Zeit in Wien gelebt hat. Auch er stand in weitläufigen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Familie Vogt; vgl. Georg Dieffenbach, a. a. O., S. 66; DGB, Bd. 32; Scriba, a. a. O. I, S. 71 ff. und II, S. 163.

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