Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika
298 Friedrich Roemheld liest, ist man überrascht, zu sehen, wie dieser junge Mann, der sein Leben bisher in weltabgeschiedenen Dörfern und Städtchen des Hessenlandes und in einer kleinen Universitätsstadt verbracht hatte, sich in der Welt zurechtfindet, und es wird einem klar, daß er eben nicht für die engen Verhältnisse seiner Heimat geboren war: der erste Ausflug, den er über ihre Grenzen hinaus gemacht, hatte auch die Kräfte in ihm erweckt und alsbald zur vollen Entfaltung gebracht, die sein eigentliches Wesen ausmachten. In der Fremde hatte er sich selbst gefunden. Im September oder Oktober 1844 kehrte Reitz nach Bern zurück, vermutlich, um sich von dort aus wieder in die Heimat zu begeben. Aber es sollte anders kommen. Noch einmal führte ihn das Schicksal in die Ferne, nach dem Süden, und dort sollte dann die Entscheidung über seine ganze Zukunft fallen. Er hatte auf der Rückreise von Afrika zufällig den englischen Konsul in Mailand kennengelernt, der sich jetzt an ihn wandte mit der Bitte, eine Hauslehrerstelle bei seinen Kindern anzunehmen. Reitz erklärte sich bereit und verbrachte nun etwa ein Jahr in Mailand. Bald unterrichtete er außer den Kindern des Konsuls auch noch andere Schüler, trieb daneben eifrig italienische Sprachstudien und erwarb sich schnell in den Kreisen der Mailänder Gesellschaft, in die ihn sein Beruf führte, große Beliebtheit. Im Oktober 1845 treffen wir ihn in Neapel, wohin er sich über Rom begeben hatte, um an einer dort tagenden Gelehrtenversammlung teilzunehmen, die ihm reiche wissenschaftliche Anregungen und wertvolle Bekanntschaften vermittelte. Natürlich versäumte er es nicht, Ausflüge in die Umgebung Neapels zu machen, deren Schönheit unauslöschliche Eindrücke bei ihm hinterließ. Zweimal bestieg er den Vesuv und drang bis dicht an den Rand des glühenden Feuerrachens vor. Mit einer russischen Familie Stephanitz und einem sächsischen Baron von Ritzenberg und seiner Frau unternahm er eine fünftägige Reise nach Salerno, Pästum, Amalfi, Sorrent und der Insel Kapri sowie nach den Ruinen von Herkulaneum und Pompeji, und so stark war der Zauber, den die herrliche Landschaft mit ihren zahlreichen geschichtlichen Erinnerungen auf ihn ausübte, daß er beschloß, einige Monate in Neapel zu bleiben und sich auch dort seinen Unterhalt durch Lehrstunden zu verdienen l5). Sehr schnell fand er Schüler in den Kreisen der besten Gesellschaft und der vielen Engländer, die namentlich im Winter in Neapel lebten, und so dehnte er seinen Aufenthalt immer länger aus, bis es schließlich die politischen Verhältnisse waren, die es ihm nach reichlich zwei Jahren geraten erscheinen ließen, die Stadt wieder zu verlassen. Ganz wie in Deutschland suchten damals in Neapel freiheitsliebende Männer verfassungsmäßige Zustände herbeizuführen und politische Rechte für das Volk zu erringen, stießen dabei aber auf den hartnäckigen Widerstand König Ferdinands II. is) Reitz scheint in Neapel ein Haus erworben zu haben: „... Wenn elvon dem Balkon seines Landhäuschens in Neapel auf das Prachtbild des Golfs herabblickte“ (Deutsches Volksblatt, a. a. O.). Auch in den Wiener Akten findet sich eine Andeutung.