Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 283 Prina’s entgangen, und versicherte, die uns begleitenden Franzosen gingen dem Tode entgegen; übrigens würde — die provisorische Regierung und die Hefe des Volkes vielleicht ausgenommen — von der besseren Klasse der baldige Einzug der Oesterreicher sehr gewünscht. Ich wußte nun wenigstens, an wen ich mich zu halten hatte, und nachdem wir die beiden französischen Offiziere als Bediente auf die Böcke unserer Wagen eingeteilt hatten, ging’s in wilder Jagd weiter — eine Jagd, die man nur auf italienischen Straßen und mit italienischen Postillons, wenn sie das doppelte Trinkgeld wittern, ausführen kann. Schon um 4 Uhr nachmittags hatten wir Lodi erreicht, das Wetter hatte sich aufgeklärt, und die milde Luft eines italienischen Frühlingsabends umgab uns; es war ein Sonntag; die Fülle der Menschen so groß, daß wir nur mehr im Schritt fahren konnten. Mein jugendlicher Begleiter hatte sich die Freude nicht versagen können, die Farben seiner Schärpe zeitweise durchblicken zu lassen, und so brüllten plötzlich tausende von Kehlen „Evviva gli Tedeschi!“ so daß es mir durch Mark und Bein fuhr, weil es eine Ehre war, die ich zum ersten Mal genoß. Ein schnell aufsitzender Postillon raste mir voraus, und als wir an der Porta Romana vor Mailand ankamen, waren alle Straßen mit Menschen übersät und dasselbe Gebrüll verdreifacht. Ich fuhr in einer schlechten Dienstkalesche mit abgezogenem Hut in langsamem Zug durch diese Evviva’s, bis endlich die Volksmenge so anwuchs, daß mein Wagen unfern des Hotel Reichmann, wo sich die Straße rechts gegen den Palazzo Reale wendet, steckenblieb. Jetzt war auch der ganze Corso Romano bis in die letzten Stöcke der Häuser, vorzüglich mit Damen, besetzt die uns mit Tüchern zuwinkten und Blumen nachwarfen, welcher triumphale Einzug indes mit meiner Feldpostkalesche und dem übrigen schmutzigen Reiseaufzug wenig harmonirte. Das Volk zog und schob an unseren Wagen vorwärts, die Peitschen der Postillone erklangen mit unaufhörlichem Ge- klatsche, und nur Schritt für Schritt konnten wir vor dem Palazzo Reale ankommen, wo die aufgeführten Kanonen und eine starke Abteilung von Pompieri — die einzige Truppe, die ich bis jetzt gesehen hatte — das Volk etwas zurückhielt. Letzteres war allein mit Regenschirmen bewaffnet, allein daß diese auch eine Waffe in der Hand eines Italieners abgeben, hatte der unglückliche Minister Prina empfunden, der gestern unter ihren Streichen seinen Tod gefunden hatte. Ich mag die Gefühle nicht beschreiben, mit denen ich die große Treppe zum Regierungspalast hinanstieg, wo eben die neue Regierungs junta unter dem General Pino versammelt war. Vor 48 Stunden war ich noch ruhig und zufrieden in unserem Hauptquartier, von freundlichen Kameraden und treuen Truppen umgeben — jetzt stand ich allein den aufgeregtesten Leidenschaften gegenüber. Wie sollte ich diese lenken können? Da drängte sich jemand an mich, ein Billet blieb in .meiner Hand und ich las in ganz unbekannter Schrift die wenigen Worte: „Die Zuvorkommenheit, welche Sie in Vicenza für eine, um das Schicksal ihrer Kinder besorgte Mutter