Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden

284 Karl Otmar Freiherr von Aretin gehabt haben, ist nicht vergessen worden; kommen Sie heute abends in das Eckhaus neben der Scala, Sie sollen willkommen und schnell orientiert sein. Wir bedürfen der Ordnung.“ So hatte ich wenigstens das wahre Losungswort, und etwas aufgerich­tet trat ich vor den General Pino und seine Genossen58). Der Mann selbst hatte nichts Einnehmendes, aber jene, die ihn umgaben, trugen bei großer Verschmitztheit das Gepräge des Verstandes. Ich entsinne mich ganz vor­züglich des feinen Kopfes vom Senator Lomariva59). Ich begann in fran­zösischer Sprache, mir Glück wünschend, noch zu rechter Zeit gekommen zu sein, um den hier versammelten Herren in ihrer Tendenz die Ruhe her­zustellen, soweit es in meinen Kräften stände, behilflich zu werden. Ich trug ihnen hiezu vorerst französische Truppen, und sodann österreichi­sche an, die jenen auf dem Fuße folgen würden. Man antwortete mir in italienischer Sprache, aus der ich — ihrer nicht allzu mächtig, nur die Worte „Regno d’Italia“ stark betont heraus vernahm. Das war mir fürs erste genug, um den Sinn zu verstehen, und ich fragte kurz, ob die da unten, deren „Evviva gli austriachi“ sich noch immer mehrten, auch ein italieni­sches Königreich verlangten? Das Volk hatte mittlerweile die ganze Piazza del Duomo besetzt, und drang von dort her gegen den Regierungspalast vor. Bald waren die Kanonen umgewendet, die Pompieri zurückgedrängt, die Stiegen und Gänge des Palastes mit Menschen erfüllt, und alles drängte sich, aber mit freundlichen Mienen um mich, als ich ihnen entgegentrat und um ihre Beihilfe bat, die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen; dies legte ich auch der provisorischen Regierung an’s Herz. Fürs erste glaubte ich in ihr nicht gerade den besten Willen dazu zu erkennen; mit umso mehr Zuversicht wandte ich mich daher an die Lebe-Hoch-Männer, die mich umgaben, und deren ausdrucksvolle Physiognomien mich nötigenfalls zu unterstützen versprachen. Eine Sache mußte schnell eine Gestalt bekom­men ; es war der nach Mailand gerichtete Marsch der französischen Division vom General Quesnel; diese Angelegenheit kam mir insofern zustatten, als ich sie als ein Schreckmittel in Anwendung brachte, und durch das Ver­sprechen, daß die Truppen die Stadt nicht berühren sollten, hatte ich wenig­stens eine Bedingung für die Herstellung der zerrütteten Ordnung, von der wir sonst noch sehr weit entfernt waren. In einem sehr erschöpften Zustande kam ich in mein Hotel zurück, expedirte noch am selben Abend den Grafen Thum mit einem kurz ge­faßten Berichte des ganzen Verlaufes in das Hauptquartier des Feldmar­58) Sowohl der Senat, wie General Pino haben über die Vorgänge eine ge­meinsame Schrift herausgegeben, in der das Auftreten eines österreichischen Offiziers ohne Namensnennung erwähnt ist. Die Ausdrücke sind aber so un­genau, daß diese Schrift Anlaß zu der späteren Mißdeutung wurde, Weiden sei ein Agent gewesen. Sulla rivoluzione di Milano seguita nel giorne 20. aprile 1814, Paris 1814. 59) Lomariva ist einer der Verfasser der o. a. Schrift (vgl. Anm. 58).

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