Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden

282 Karl Otmar Freiherr von Aretin Regierung unter dem General Pino zusammengetreten sei36). Der Finanz­minister Prina sei vom Volke buchstäblich zerrissen worden, und jeder Franzose werde vom Tode bedroht. Er ersuche mich also, mich ungesäumt nach Mailand auf den Weg zu machen, dort, wo möglich die Plünderung der ärarischen Kassen und Ge­bäude zu verhindern, aber ganz vorzüglich den Marsch der Divsion Quesnel, die über Brescia nach Mailand instradirt war, so zu ändern, daß jeder Con­flict vermieden würde. Als ich bemerkte, daß ich hierüber erst die Instruk­tionen des Feldmarschalls einholen wolle, wies er mich auf die Gefahr hin, die auf dem Verzüge ruhe, und als ich um die Beigebung eines Offi­ziers aus seiner Suite bat, sagte er: „Ein Franzose würde von der Canaille massacrirt werden, und einem Italiener will ich Sie nicht anvertrauen; wir sind in einem Lande der höchsten Aufregung, wo der Vater dem Sohne nicht traut, aber ich will Ihnen verkleidet zwei französische Offiziere meines Generalstabs zur Versendung an den General Quesnel mitgeben, wenn Sie mir für deren Leben einstehen.“ Ich meinte, das könnte ich nur insoweit, als ich für das meine selbst keine Bürgschaft hätte! Am frühen Morgen hatte noch Prinz Eugen die Artigkeit, mich der kaum genesenen Prinzessin vorzustellen, um ihre Wünsche für Mailand zu empfangen: in der Eile der Abreise hatte sie so manches ihr Werthe dort zurückgelassen, an deren Erhalt ihr gelegen war — und nun ging’s fort im schnellsten Laufe. Nachmittag hatten wir Cremona bereits passirt — ein nebliges Aprilwetter umgab mich; es paßte zu meiner inneren Stimmung, denn was mich erwartete, war wohl eben so trübe und unterlag nicht ein­mal einer Berechnung. Auf mich allein beschränkt, wo sollte ich die Kraft hernehmen, allen diesen vorauszusehenden gräßlichen Ereignissen eine vernünftige Wendung zu geben. Der Oberlieutenant Graf Thurn (jetzt Feld­marschall-Lieutenant) der zu meinen Begleitern gehörte, nahm dies alles von der heiteren Seite und meinte, da könne es allerhand zu tun geben: ich verübelte ihm aber diese jugendlich leichtsinnige Stimmung sehr. In der Gegend von Pizzighettone kam uns Ventre ä terre eine Kutsche entgegen, in der sich der Minister Graf Méjean, der eigentliche homme d’affaires des Vize Königs, befand5'). Er war mit knapper Noth dem Schicksal •>«) Die Nachricht wurde Eugen Beauharnais durch seinen Sekretär Baron Darnay überbracht. Vgl. A. v. Bayern, Beauharnais, a. a. O., S. 332. Der Brief des Herzogs von Lodi, mit dem er Beauharnais von den Vorgängen in Mailand unterrichtete, ist veröffentlicht in: Duca di Lodi, Memorie, documenti e lettere, inedite di Napoleone Io e Beauharnais, recolte e ordinate per cura di Giovanni Melzi Bd. 2. 1865, S. 253 ff. ■j") Méjean, Minister und Chef des Privatkabinetts Beauharnais. Er ver­öffentlichte im Mai 1814 eine Schrift „Le roi Pino ä la bataille des parapluies“, die dem Aufstand ihren Namen gab. Darin erwähnt er die Begegnung mit Wei­den nicht. In der Schrift zeigt sich noch die ganze Erregung über die Vorgänge in Mailand. Sie ist wenig sachlich und, wie der Titel schon sagt, gegen Pino, den Verräter gerichtet.

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