Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MISKOLCZY, Julius: Metternich und die ungarischen Stände

242 Julius Miskolczy sitzenden der Ständetafel, und auf Grund von Briefen, die er aus Preß- burg erhielt, redet er weiterhin der Festigkeit in Behauptung der könig­lichen Rechte das Wort. In dieser Korrespondenz finden wir Ausdrücke wie „liberale Partei“, „ultra-liberal“, „Club“ usw. Aber was empfiehlt er am Ende seinem Herrn? Welchen Weg will er gehen, um Altösterreich aufrechtzuerhalten, und den Trägern der Fackeln, wie er sich ausdrückt, in ihrem Werk entgegenzutreten? Keine einzige Stelle finden wir, wo als Gebot der Pflicht und Klugheit, der Festigkeit und Sicherung der Zukunft, nicht die Schonung ererbter Rechte stehen würde. Im Namen solcher Rechte tritt er gegen jede Neuerung auf. Wer wohl die althergebrachte Verfassung aufrechterhalten, dabei auf sozialem und verwaltungstech­nischem Gebiet über das bis dahin Geltende nicht hinausgehen will, jedoch gegen die Regierung Vorwürfe erhebt, der ist in den Augen Metternichs schon ein Revolutionär. 1825 war in der Geschichte Ungarns ein kritisches Jahr. Gr. St. Szé­chenyi unterbreitete damals dem allmächtigen Staatskanzler eine Denk­schrift. Wir kennen das Programm Széchenyis und dürfen infolgedessen annehmen, daß er zu jener Zeit kaum einen anderen Weg in die Zukunft — nämlich den Weg der Reform mit einer legalen Regierung an der Spitze — vor Augen hatte, als fünf Jahre später, als er sein umwälzendes Werk über den Kredit schrieb. Doch Metternich war nicht für Reformen! In demselben Jahr hatte er doch die historische Verfassung Ungarns mit einem Gewölbe verglichen. Es sei jedenfalls leichter, schrieb er, ein altes Gewölbe ohne jedwede Änderung samt seinen Insassen zu belassen, als ein großes Programm mit ungeahnten späteren Verwicklungen — wie sie tat­sächlich kommen sollten — zu verwirklichen. Metternich belustigte sich über den Gedanken, die Regierung solle sich an die Spitze der Reformbewe­gung stellen, der große Umbau Ungarns solle unter ihrer Kontrolle und ihrer Führung verwirklicht werden. Széchenyi ist in seinen Augen „von einem kalten Standpunkt“ aus betrachtet ein großer Phantast, ein wirk­licher, aber gutmütiger Narr, in dessen Kopfe nicht zwei Ideen einander folgen, in dessen Geiste alles Aufschwung ohne Kontrolle des Verstandes sei. Und damit war die Reform Ungarns abgetan. Metternichs Politik zeigte eine betont feindselige Einstellung dem Erz­herzog-Palatin Joseph gegenüber. Man mochte glauben, daß nach Zurück­weisung des Széchenyischen Programms wenigstens der legale Weg, der immerhin vorwärts führte, eingehalten wurde. Diesen legalen Weg vertrat auch der Palatin, der die Wünsche der Stände, wenn sie nur der Verfas­sung entsprachen, nach Wien zu übermitteln nie versäumte. Aber Metternich ließ dessen Vorträge fast ohne Ausnahme zurückweisen. Die von diesem vertretene Richtung entsprach zwar der Auffassung einzelner Räte der ungarischen Hofkanzlei, später des Staatsrates und der Konferenz, aber sie gilt vielfach als überholt. Die Richtung Metternichs blieb im östlichen Teil der Monarchie ohne Unterstützung. Dabei ist anzuerkenen, daß der

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