Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

Rezensionen 537 des Kirchenstaates und belastete damit auch das Verhältnis zu Österreich. Frankreich begann Österreich am Vatikan zu überflügeln. Dem heiligen Stuhl, der sich angeblich dem Ruf nach Reformen verschloß und allein nicht imstande war, seinen weltlichen Machtbereich zu sichern, konnte Österreich-Ungarn, aus Italien durch die Kriege von 1859 und 1866 hinaus­manövriert, nicht mehr in dem Umfange schützend beispringen, wie es das in früheren Dezennien getan hatte. Doch nicht nur auf der politischen Ebene, auf der das italienische Risorgimento, der Gegensatz zwischen Österreich und Frankreich und das unheilbringende Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie den Hintergrund bilden, vollzog sich eine Um­schichtung im Verhältnis Österreichs zum Vatikan, auch auf dem rein kirchlichen und geistlichen Bereich war beinahe eine Umkehrung der gegenseitigen Beziehungen eingetreten. Die österreichische Kündigung des Konkordates, die konfessionellen Gesetze der Jahre 1868 und 1874 führten auf einen Tiefpunkt, auf dem der Papst sogar Seiner Apostolischen Maje­stät mit der schwersten Kirchenstrafe, mit der Exkommunikation, drohte. Diese Pendelschwingungen im gegenseitigen Verhältnis, das Schwanken der Kurie zwischen den beiden katholischen Großmächten Frankreich und Österreich-Ungarn, das Hindurchmanövrieren der Kirche zwischen den innerhalb der Donaumonarchie auftretenden Schwierigkeiten wird vom Autor in beispielhaft sachlicher und gerecht wertender Weise dargestellt und auf das genaueste registriert. Die Kündigung des Konkordates von 1855, die Haltung der österreichischen Bischöfe gegenüber dem vatikani­schen Konzil, der Untergang des Kirchenstaates, die interkonfessionellen Gesetze von 1874 sind, um nur einige der markantesten Fakten heraus­zugreifen aus dem großen Problemkreis, in den die Beziehungen zwischen Österreich und dem Vatikan gespannt waren, die Strahlungspunkte, die in den letzten Jahren des Pontifikates Pius IX. aktiv waren und die in rest­loser Ausschöpfung der zugänglichen Quellen und mit beherrschter Kennt­nis der einschlägigen deutschen und fremdsprachigen Literatur vom Autor auf das sorgfältigste ausgewertet werden. Unter dem Pontifikate Leos XIII. werden die gegenseitigen Bezie­hungen bereits weitgehend beeinflußt von dem in vollem Gang befindlichen Nationalitätenkampf innerhalb Österreichs-Ungarns. Der deutsche Kultur­kampf, Schwierigkeiten mit Frankreich und Italien führten zwar zu­nächst wieder zu einer stärkeren Annäherung der Kurie an die Doppel­monarchie und ließen sogar Gespräche über eine eventuelle Asylgewährung für den Papst in Österreich, für den Fall, daß er sich genötigt sehen sollte, Rom zu verlassen, aufkommen. Die Haltung des Vatikans zur slawischen Welt, die Schwierigkeiten bei den Ernennungen im Episkopate, der unga­rische Kulturkampf und der steigende Einfluß des Österreich abgeneigten Kardinalstaatssekretärs Rampolla bestimmten aber wieder den Pendel­schlag in die entgegengesetzte Richtung. Die ganze spannungsgeladene Zeit beider großen Pontifikate stellt der Verfasser nach vielen unveröffentlichten Quellen zwar expressis verbis nur in ihrem Verhältnis zu Österreich dar, in Wirklichkeit aber wird auch keine Gesamtdarstellung der beiden großen modernen Päpste an diesem Buche Vorbeigehen können. Nicht nur das Bild eines Pius IX. und Leos XIII.,

Next

/
Oldalképek
Tartalom