Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

534 Literaturberichte eigenen Beobachtungen getreten sein: „sul Corso, al caffé Belle Arti, al Circolo Romano, dove verso capo d’anno si hanno giä notizie attendibili degli avvenimenti accaduti“ (S. 192, vgl. auch S. 224). In zweiter Linie aber wollte die Arbeit die schwer angeschlagene eigene Reputation wieder­herstellen und den moralischen Knacks durch eine intellektuelle Stütze heilen. Eifer ist deutlich spürbar. Somit wird die Erwartung reiner Sach­lichkeit zu reduzieren sein. Man tut Weiß von Starkenfels zu viel, wenn man in ihm bloß einen verständigen Diplomaten sehen will, „der nichts anderes als die Wahrheit zum Gebrauch des allerhöchsten Dienstes erfor­schen“ möchte 3). Abgesehen von diesen Einwänden aber handelt es sich um den Bericht eines aufgeschlossenen, weitläufigen und gebildeten Mannes, der freilich an der Oberfläche haftet und in seiner leicht journalistischen Art trotz großen Kenntnissen abgesehen von kleinen Retouchen der bisherigen Über­lieferung seinerseits wirkliche Kenntnisse kaum zu vermitteln imstande war. Das Opus gliedert sich in fünf größere Abschnitte: I. Der öster­reichische Einfluß in Italien; II. Die französische Politik auf der Halbinsel; III. Die italienischen Revolutionäre; IV. Gregors XVI. Zeit; V. Pius IX. Dieses letzte (und wichtigste) Kapitel enthält: Seine Reformen; Die Kon­zession der Bürgergarde, der Preßlizenz, im Ferrareser Streite; Sein Auf­treten gegen die Ausschreitungen der Volksgunst; Die Lega doganale; Beziehungen Louis Philippe’s und das Verhältnis des französischen Kabi- nettes zu Pius IX.; Fürst Metternich; Porträt Pius IX.; Die italienischen Republikaner und Lord Palmerston; Die Abdikation des Herzogs von Lucca und der Tod der Herzogin von Parma; Die Revolution auf der Halbinsel. Aus zahlreichen druckreifen Wendungen spricht das Bemühen eines Günst- lings des bisherigen Regimes, auch dem neuen Kurs wohlgefällig aufzu­fallen, indem er sich sogleich als Gegner des alten Systems, obwohl er ihm alles dankt, bekennt: „Confesso dunque di essere un awersario dell’antico sistema“ (S. 191). Mit solcher Gesinnung schildert er nun die Beweg­gründe der italienischen Einheitsbewegung und die Hintergründe des fran­zösisch-österreichischen Wettstreites um die Hegemonie auf der Halbinsel. Die Bedeutung, die die römische Frage infolge der reaktionären Politik Gregors XVI. (f 1846) gewonnen hatte, und die Haltung Englands — „se noi incontriamo l’Inghilterra in posizione di nostra antagonista su quel terreno“ (S. 198) — trachtet er ebenso nahezubringen wie die Reorgani­sation des Kirchenstaates und die Lega doganale, eine nach dem Vorbild des Deutschen Zollvereins zwischen Pius IX., Toskana und Sardinien getroffene sowohl industriell und finanziell als auch politisch wichtige Maßregel. Naturgemäß wirkt er aber nirgends unmittelbarer, als wenn er von seiner Gegenwart erzählt, also von Pius IX. und dessen Problematik. So gibt er vortrefflich Stimmung und Geschehen jenes 12. Februar 1848 wieder, als der Heilige Vater ganz allein vom Balkon des Quirinais aus „con voce alte, che si sentiva da lontano, tremante e commossa“ die kniende Menge mit den Worten: „Io benedico tutta PItalia, siate concordi!“ s) Heinrich Benedikt in: Wiener Zeitung, Nr. 20 vom 25. Jänner 1959, S. VII.

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