Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

Österreich 525 verschiedene Teile zerfallen, wieder aufgetaucht und konnte neu gebun­den und aufgestellt werden. Es fehlt jedoch ein Protokoll- und Indexband (1863) und das Statusverzeichnis der Dienerschaft des Reichs- und Staatsrates. Die ehemals in 222 Faszikel eingebündelten Gremialakten des Reichsrates sind jetzt in 271 Kartons gelegt worden, die Präsidialakten aus 42 Faszikeln in 40 Kartons. Das Archiv des jüngeren Staatsrates umfaßt jetzt 76 Kartons der Gremialakten und 8 Kartons der Präsidialakten (gegenüber früheren 66 bzw. 9 Faszikeln). Nun folgt in der Aufstellung nochmals ein Bestand, für dessen üblen Zustand wieder das Kennwort „Guntersdorf“ genügt: das Archiv der Generaladjutantur und des Gendarmeriedepartements. Dieser Fonds hatte hochprozentige Verluste. Während er früher 77 Faszikel besaß, zählt er heute nur mehr 17 Kartons, in denen die übriggebliebenen Akten wieder jahrgangweise nach den Protokollzahlen liegen. Die Protokollfoüeher sind vorhanden, dagegen steht es schlimm mit den Indizes der Polizeiakten (Serie II). Der Band 1852 fehlte schon vor dem Krieg, 1853—54 ist frag­mentarisch erhalten, 1855—56 fehlt, 1857—85 und 1859—60 sind vor­handen, 1861—62 ist fragmentarisch, 1863—67 fehlen. Die Akten der Studienrevisionshofkommission haben jenen geringeren Grad der Schädigung durch Öffnung einiger Faszikel erlitten, deren Inhalt auch in diesem Falle zum Großteil wieder auf­gefunden werden konnte. Sie wurden aus 23 Faszikeln in ebensoviele Kartons umgelegt. Keine Verluste sind für den kleinen Fonds der Präsidialakten des Militärgouvernements, der heute 3 Kartons und 3 Bände umfaßt, zu verzeichnen. Zum Abschluß und zur Illustration dessen, was das Schicksal der Archivalien während des Jahres 1945 sein konnte, sei folgende eigenartige tragikomische Episode berichtet. Im Jahre 1949 erschien ein ehemaliger Lehrer eines Ortes, in wel­chem Akten verschiedener Bestände des Haus-, Hof- und Staatsarchivs geborgen gewesen waren, und brachte der Archivdirektion zirka 20 lose Blätter alten Papiers. Fast durchwegs trugen diese auf einer Seite ein Stück eines Vortrages, etwa von Metternich, samt dessen schwungvoller Unterschrift, daneben die charakteristische Signatur des Kaisers Franz, oder auch Kaiser Ferdinands; auf der anderen Seite jedoch, die nun liniert ist, finden sich von kindlicher Hand patriotische Gedichte, sichtlich als Schulaufgaben hier abgeschrieben5). Niemand weiß, wieviel unserer wertvollsten Akten auf diese Weise, durch völliges Unverständnis in jener Zeit des Mangel auch an Papier verloren gegangen sind. Die geretteten Stücke bilden heute Curiosa des Archivs; sie wurden an ihr Lókat wieder eingelegt, doch nicht ohne daß ihre eigenartige Geschichte mit Bleistift kurz darauf vermerkt worden wäre. B) Vgl. H.H.St.A., Kurrent-Zl. 2075/1949.

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