Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 331 der geistlichen und der weltlichen Gewalt das Glück der Völker gegründet sei. Die zahlreichen Korrekturen im Entwurf der kaiserlichen Antwort lassen erkennen, wie man in Wien mühsam nach einem endgiltigen Aus­druck suchte. Während der Papst das Verhalten des österreichischen Klerus gepriesen und als fehlerfrei erklärt hatte, wies Franz Joseph darauf hin, daß katho­lische Priester seines Reichs sich als eifrige Vorkämpfer des Nationalitäts­prinzips betätigt hätten, jenes Prinzips, „das die Einigkeit und vielleicht selbst die Existenz der Monarchie bedrohe und dem bereits eine Anzahl unabhängiger Staaten zum Opfer gefallen seien, wie z. B. der Kirchenstaat selbst“. Diese Worte des Kaisers wiesen nicht nur auf die Ereignisse von 1860 bis 1870 hin, sondern auch auf die Tätigkeit des Papstes in den ersten Jahren seiner Regierung. Der Hinweis, der mit Andrássys Randbemer­kung von Dezember 1873 im Einklang steht, wird im Vatikan verstanden worden sein; man wird sich dort aber auch der politischen Tätigkeit des derzeitigen österreichisch-ungarischen Außenministers in jener Zeit er­innert haben. Der Monarch betonte ferner, daß er und seine Minister alles, was in der gegenwärtigen schwierigen Lage möglich war, getan hatten, um die Kirche zufrieden zu stellen. Sein Gewissen sei ruhig: er vertraue auf Gottes All­wissenheit und Barmherzigkeit. „Quieto nella mia coscienza ritengo la speranza confortante, daß der Allmächtige, der die Geschicke der Kirche und der Staaten leitet und in den Herzen der Menschen liest, erbarmungs- voll auch jene meiner Taten beurteilen wird, welche nicht völlig meinem unablässigen Bemühen entsprechen, das Richtige zu erkennen und in die Tat umzusetzen.“ Mit diesen Worten wies der Kaiser den Hinweis des Papstes auf die Gewissensbisse zurück; die in Aussicht gestellten kirch­lichen Zensuren erwähnt der Brief des Monarchen nicht. Graf Paar versuchte auf den neuen Wiener Nuntius, Monsignore Jacobini, zu wirken, daß er den österreichischen Episkopat zur Mäßigung und Versöhnlichkeit bewege43). Aber selbst als die Spannung ihren höch­sten Grad erreicht hatte, versicherte der Staatssekretär, „der Heilige Vater sei der vollen Überzeugung und des festen Glaubens, daß die k. k. Regie­rung nicht die Absicht haben könne, der Kirche förmlich den Krieg zu erklären und Zustände, wie man sie in Deutschland heraufbeschworen hat, herbeizuführen; dieses Vertrauen sei nicht erschüttert“ 44). Zu Beginn des Jahres 1876 jedoch waren am Vatikan neue Befürch­tungen bezüglich Österreichs und seiner Gesetzgebung erwacht. Man be­sorgte, daß eine neue Regelung des Eherechts in Wien geplant werde und daß der Entwurf bezüglich der Klöster, „betreffend die Rechtsverhältnisse der klösterlichen Genossenschaften“, dem der Monarch die Sanktion ver­43) Rom, IV, 8; Weisung IV, 26, 74. 44) Rom, III, 20 B, 74.

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