Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

328 Friedrich Engel-Jánosi man maß sie an dem Maßstab des Bismarckschen Reichs und war bereit, zu verwerfen, was mit diesem Idol nicht übereinstimmte. Pius sah die Schwierigkeiten der Donaumonarchie; selbst in für ihn schweren Augen­blicken wollte er ihre Politik nicht auf eine Linie mit der des Königreichs Italien gestellt sehen. „Österreich ist mir nicht schlecht gesinnt“ 29); die Übel, an denen es litt, waren eher die allgemeinen Übel der Zeit. Er hatte sie 1864 im Syllabus, 1870 in der Constitutio de Fide, die aus dem Vati­kanischen Konzil hervorgegangen war, verurteilen können. Er schmeichelte sich nicht, sie ausgerottet zu haben; besondere Bedeutung maß er nun der sozialen Frage zu30), überließ aber die Ausarbeitung dieses Problems seinem Nachfolger. Von Wien aus begnügte man sich, von Zeit zu Zeit zu schreiben, daß die Gefühle für den Heiligen Stuhl unverändert seien31), was den kühleren Köpfen an der Kurie kaum überraschend, noch geeignet war, besonderen Eindruck auf sie zu machen — umsomehr, als man unmittelbar nach einer solchen Mitteilung konstatieren konnte, wie die Habsburgermonarchie pünktlich mit den anderen Mächten den Sitz ihrer Vertretung beim König von Italien nach Rom verlegte und dieser Maßnahme, die der Papst als neue Demütigung empfand, nicht einmal den Widerstand entgegensetzte, den das besiegte Frankreich auf brachte32). Immer mehr setzte sich — schon seit mehr als einem Jahrzehnt vorbereitet — bei Papst, Staats­sekretär und an der Kurie überhaupt die Überzeugung der politischen Schwäche der Doppelmonarchie fest. Die Äußerung, die Graf Andrássy als Außenminister der Habsburger­monarchie vor den Delegationen im Herbst 1872 getan, daß er die An­sichten Bismarcks über die Stellung des Staates zur Kirche teile33), wird an der Kurie nicht unbekannt geblieben sein. Nur über die Mittel, das Ver­hältnis zu regeln, fuhr der Leiter des Hauses am Ballhausplatz fort, bestünden Differenzen. In seinem Bestreben, Berlin von einem allzu engen Zusammen­arbeiten mit St. Petersburg abzuhalten und die Politik der Doppelmonarchie möglichst enge an die des deutschen Reiches heranzuführen, teilte Andrássy diese Übereinstimmung in den Prinzipien wiederholt nach Berlin mit; aber den Bemühungen des deutschen Reichskanzlers, in Österreich-Ungarn einen Bundesgenossen im „Kulturkampf“ zu erlangen34 * *), entzog er sich immer wieder. Er wird sich bewußt gewesen sein, daß er eine unübersteigbare Schranke am Willen des Monarchen finden würde, der, als der französische 20) Rom, VI, 24 A; XII, 15 A, 71; I, 27 A, 72. 30) Rom, VI, 24 A; VIII, 25 A, 71. 31) Z. B. Weisung VI, 16, 71. 32) Rom, VI, 20 C; Weisungen VI, 16, 21, 29, 71. 33) Gustav Kolmer, Parlament und Verfassung (Wien, 1903), II, 253. 34) E. v. Wertheimer, a. a. 0., II, 199 f., 209, 214. Im einzelnen scheinen Bis­marcks Bemühungen besonders einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Jesuiten und bei einem Konklave gegolten zu haben. Franz, a. a. O., 236, 239.

Next

/
Oldalképek
Tartalom