Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.
Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 329 Botschafter über Bismarcks Vorgehen gegen die Kirche klagte, diesem erklärte, er werde auf diesem Wege nicht folgen35). Die Versuche des deutschen Reichskanzlers, die Habsburgermonarchie im Kulturkampf zu sich herüberzuziehen, scheinen sich 1872 verstärkt zu haben; anfangs 1875 wurden sie wieder aufgenommen, als Pius IX. in der Enzyklika vom 5. Februar dieses Jahres die deutschen Gesetze streng verwarf; sie wurden in der Korrespondenz mit dem Botschafter in Wien im März erörtert38). Wohl aber betonte der Kanzler im Mai dieses Jahres, daß er sich der „Verschiedenheit der Elemente und Bedingungen“ zwischen dem preußischen und dem österreichischen „Kulturkampf“ voll bewußt sei. „Es ist dies ja der wunde Fleck zwischen den beiden Staaten“, fügte der österreichische Botschafter hinzu, „und man kann sich nur aufrichtig freuen, wenn er nicht weiter aufgerissen wird“ 37). „Der wunde Fleck“ verhinderte nicht, daß sich die Regierungen von Berlin und Wien während der letzten Jahre Pius IX. ständig näherten. Man hatte also im Vatikan keinen Anlaß, tätige Unterstützung aus Wien im Konflikt mit Berlin zu erwarten und man hatte sich mit dieser Tatsache wohl abgefunden. Aber die Kurie flammte leidenschaftlich auf, als mit den Entwürfen zu den interkonfessionellen Gesetzen des Mai 1874 die Stellung der Kirche in Österreich nochmals eingeschränkt werden sollte und der liberale Staat den Weg zum Josephinismus zurückfand, gleich- giltig, ob man dies eingestand oder in Abrede stellte. In dem Motiven- bericht38) zur Gesetzesvorlage über die äußeren Rechtsverhätlnisse der katholischen Kirche hieß es: „In unseren Tagen drängt insbesondere seit den Beschlüssen des Vatikanums alles nicht nach einer Verminderung, sondern nach einer Vermehrung des staatlichen Einflusses ... Der Staat ... muß sich ihr (der Kirche) gegenüber auch besondere Garantien verschaffen, die er anderen Vereinigungen gegenüber nicht verlangt .. Der Papst verhehlte seine Erregung über die Gesetzentwürfe nicht; er verurteilte sie in der Enzyklika vom 7. März39), sie mit den preußischen Gesetzen vergleichend: „nach diesen Gesetzen wird die Kirche in allen Beziehungen und Handlungen, welche die Leitung der Gläubigen betreffen, als eine der höchsten Gewalt der weltlichen Autorität gänzlich unterstehende angesehen“ 40). Das Schreiben aber, das der Papst an dem gleichen Tage an den Kaiser richtete, ging über die in der Enzyklika gebrauchten Worte noch hinaus; es stellt die Antwort Pius IX. auf die Kündigung des Konkordats im 35) Vienne II, 11, 74, Archives du Ministéres des Affaires Etrangéres, Paris, Quai d’Orsay (= AMAE). 38) Wertheimer, a. a. 0., 215 f. 37) Berlin, V, 1 A, 75. 38) Zitiert bei Franz, a. a. O., 146 f. 39) Die Enzyklika auszugsweise bei Wolfsgruber, a. a. O., III, 432 ff. 40) Ebd., III, 433. Über den Vergleich mit Preußen beschwerte sich Andrássy beim französischen Botschafter. Bericht aus Wien, IV, 2, 74, AMAE.