Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 327 weniger besorgt24). Zwei Jahre später urgierte der Papst selbst wiederum die gemeinsame Aktion der beiden katholischen Großmächte, wenngleich er zugab, daß gegenwärtig nicht viel erreicht werden könne. Andrássy lehnte in einer für den Kaiser bestimmten Randbemerkung die päpstliche Beeinflussung sehr scharf ab; es sei der päpstliche Legat gewesen, schrieb er, welcher Ludwig II. zu der Schlacht von Mohács verhalf, in der dieser König von Ungarn Krone und Leben verlor25). Im Frühjahr 1871 konnte der österreichische Botschafter berichten, daß „wir hier entschieden besser stehen, ohne deshalb in Florenz verloren zu haben“ 26). Die Meldung klang wie ein Erfolg Beusts. Bald wurde es sogar Kálnoky möglich, am Vatikan Vorstellungen wegen übertriebenen Eifers und allzugroßer Leidenschaftlichkeit der österreichischen Klerikalen vorzubringen und dem Papst schien hier wie bei dem deutschen Zentrum ein größeres Ausmaß von Mäßigung erwünscht zu sein27). Erst die Erforschung der Vatikanischen Archive wird vielleicht den Historiker instand setzen, die Haltung des Papstes und seines Staats­sekretärs nach 1870 endgiltig zu schildern, ihre Einstellung zu den Män­nern und Ereignissen wiederzugeben. Wem konnten sich Pius und Antonelli nöch~änvertrauen? Welche Macht hatte sie nicht enttäuscht? Es ist richtig bemerkt worden28), daß in Österreich die Leidenschaften der Jahre 1867 und 1868, daß der Furor des Konkordatssturms nun verraucht waren; das Konkordat war beseitigt, der Liberalismus konnte sich als Sieger fühlen. Der Glanz, der das neue Hohenzollern-Kaisertum umstrahlte, ließ an vielen Orten die schwarzgelben Fahnen und Traditionen als verblaßt erscheinen; Wien wie Paris standen im Schatten von Berlin; es bedurfte keiner un­erhörten Anstrengung, damit die deutschen Liberalen im Wiener Parla­mente die Majorität gewannen, die ihnen zur Durchsetzung der kon­fessionellen Gesetze des Mai 1874 notwendig war und diesseits wie jenseits des Inn wurde im Namen der Freiheit des Individuums der Staat, und vor allem der nationale Staat als höchster politischer Wert proklamiert. Während man die Niederwerfung des „konkordatären“ Österreich pries, wurde Österreich an sich, wurde die Habsburgermonarchie zunr'Problem; 24) Weisung Rom, III, 24, IV, 24; Bericht Rom, V, 19 A, 71. 25) Rom, XII, 27 A, 73. Die Randbemerkung, für Andrássy bezeichnend, lau­tet: „Mit meinem tiefsten Respekt für die Person des Papstes muß ich bemerken, 1) daß die Vorsehung die Geschicke der römisch-katholischen Kirche zwar Ihm — die Schicksale der Völker Oesterreichs (sic!) aber Eurer Majestät anvertraut hat, 2) daß den Rat, jetzt mit Frankreich zu gehen, derselbe Pio Nono gibt, der im Jahre 1848 vereint mit Carlo Alberto die Fahne der Revolution erhoben und mit eigener Hand den Grundstein gelegt hat zu dem Italien, dessen Existenz er jetzt beweint, 3) daß Ludwig König von Ungarn der päpstliche Legat zur Schlacht von Mohács verholfen hat. 2«) Rom, IV, 15 A, 71. 27) Rom, V, 6 A, 71. 28) Franz, a. a. 0., 148.

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