Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.
326 Friedrich Engel-Jánosi krete Basis zu geben, so wie — andererseits — die Hoffnungen des Vatikans zur Zunahme der politischen Entfremdung zwischen den beiden Schwesternationen wesentlich beitrug. Freilich waren die Zustände nicht derart, als ob Pius IX. von einer Regierung Thiers-Favre einen Begeisterungsausbruch zu seinen Gunsten erwarten durfte, aber Thiers zumindest hatte sich auch früher unzweideutig für die Aufrechterhaltung der weltlichen Herrschaft des Papstes ausgesprochen und zu sehr war den Politikern in Paris die Möglichkeit eines deutsch-italienischen Bündnisses bewußt, als daß ihnen nicht an einer Schwächung der Macht Italiens gelegen, als daß ihnen nicht in diesem Zusammenhang die „römische Frage“ willkommen gewesen wäre. Wenn auch nicht der Wortlaut, so doch der Geist der September-Konvention lebte in Paris fort. In einem gewissen Ausmaß mag auch die Persönlichkeit der beiden ersten Botschafter der Republik am Vatikan — zuerst D’Harcourt, dann Corcelle, beide dem Papst und seinem Hof aus der Zeit von Gaeta bekannt20) — zu besonders vertraulichen Beziehungen mit Paris beigetragen haben, während das Verhältnis zur Habsburgermonarchie in der Zeit zwischen 1870—1878 nicht über das korrekter Beziehungen hinausgegangen ist, und selbst diese gelegentlich gefährdet waren. Aber auch bevor D’Harcourt in Rom eintraf, war Pius größte Hoffnung auf eine Unterstützung durch Frankreich gerichtet21)- Über die frankophile Grundgesinnung des Papstes hatten ja die Berichte aus dem Palazzo Venezia oft geklagt und in diesem Sinne sollte die politische Orientierung Tindaro Rampollas keine Änderung bedeuten. Aber Pius — wenn er es auch gelegentlich nicht wahrhaben wollte — wußte, wie geschwächt Frankreich war; in dieser Hinsicht war vielleicht die größte politische Änderung seit 1849, seit Gaeta eingetreten; freilich glaubte der Papst an eine Wiederherstellung der Monarchie in Paris „dans un avenir plus ou moins éloigné“ 22). Nachdem der große Bündnisplan Beusts gescheitert war, hoffte Antonelli, obwohl er die Verhältnisse in Frankreich klar sah, nun auf ein Einverständnis zwischen Wien und Paris in der römischen Frage23). Beust war gewillt, den Plan aufzunehmen, Kálnoky wurde angewiesen, mit D’Harcourt in enger Fühlung zu bleiben; es war zunächst die Schwäche der französischen Regierung, die verursachte, daß das Projekt der Entente zwischen Wien und Paris im Sande verlief; freilich hätte Österreichs Politik um diese Zeit eine scharfe Wendung gegen Italien an und für sich nicht zugelassen; in dieser Hinsicht zeigte sich Paris viel 20) D’Harcourt konnte sich trotz unbezweifeibarer Ergebenheit für Pius IX. damals nicht allzugroßer Beliebtheit rühmen. Nun war es anders. Kálnoky berichtete V, 18 A, 72: „.. Mr. D’Harcourt quitte Rome avec regret et vivement regretté, non seulement au Vatican, mais par tous ceux qui l’ont connu.“ 21) Rom, V, 3 A, 71. 22) Rom, VI, 2 A, 73. 23) Rom, V, 6 A, B; VII, 28 A, 71.