Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 325 zuhalten. Gewalt gegen die staatliche Autorität hatte Pius nie gepredigt, hatte er seit 1848 in zunehmendem Ausmaß verdammt und wenn die Poe- nitentiarie den österreichischen Geistlichen die Ablegung des Eides auf die Dezemberverfassung nur mit dem Zusatz „unbeschadet der Gesetze Gottes und der Kirche“ erlaubte17), so befolgte sie damit nur, was Rom vor und unter Pius IX. gelehrt hatte: den Glauben an ein überstaatliches Recht, der freilich vielen als unsinnig und anstößig erschien, vornehmlich im Zeit­alter des Liberalismus, dessen politische Ideologie noch immer im Zeichen Hegels stand. Nicht gegen den österreichischen Staat an sich, wohl aber gegen dessen liberale Regierungen, die im ganzen bis 1879 die Leitung der westlichen Reichshälfte inne hatten, standen die „klerikalen“ Gruppen im Gegensatz und fanden gegen den von diesen Ministerien vertretenen Zentralismus Bundesgenossen in den slavischen Gruppen, die eine förderali- stische Lösung anstrebten. Die Erbitterung, die der greise Papst in den Sommer- und Herbstmonaten 1870, während derer der Aufenthalt des Vertreters Österreich-Ungarns am Vatikan etwa an die Lage Graf Lützows im Frühjahr 1848 erinnerte, gegen die Habsburgermonarchie gehegt hatte, legte sich allmählich. Zu Graf Kálnoky, der im Frühjahr 1871 für kurze Zeit das Reich Kaiser Franz Josephs bei der Kurie vertrat, sprach Pius voll Verständnis über die schwierige gegenwärtige Lage der Monarchie und gab der Hoffnung Aus­druck, daß einst im entscheidenden Augenblick deren Beistand ihm nicht fehlen werde. Er wiederholte zu Kálnoky die Worte, die er zu dem fran­zösischen Botschafter gesagt hatte: „nicht die Hilfe Ihrer Säbel verlange ich, sondern die Ihrer Worte und Ihrer Federn“ 18). Wie seine Tätigkeit als Außenminister beweisen wird, hatte Graf Kálnokys Begeisterung für die Sache des Heiligen Stuhls ihre bestimmten Grenzen, aber auch er schrieb, daß man der Ruhe und Serenität, mit der Pius IX. sein Unglück und seinen Kummer ertrug, Bewunderung und Ehrfurcht nicht versagen könne 19). Es ist nicht unbekannt, daß der Vatikan damals seine Hoffnungen unter allen Mächten auf Frankreich setzte, auf das vom Deutschen Reiche nieder­geworfene Frankreich, das soeben den Übergang vom Kaisertum zur Republik vollzogen hatte, das — wie die blutige Episode der Pariser Kommune bewies — auch im Inneren von einer schweren Krise geschüttelt wurde. Die politische Spannung, die zwischen dem Königreich Italien und der französischen Republik zunahm, schien solchen Hoffnungen eine kon­11 * * * * * 7) ebd., 141. is) Rom, V, 6 A, 71. — Kálnokys Tätigkeit in Rom währte vom Frühjahr 1871 bis Frühjahr 1872. Hudal erwähnt die römische Tätigkeit des zukünftigen Außenministers nicht. Auf Graf Kálnoky folgte Freiherr von Kübeck für ein halbes Jahr; er war früher Gesandter bei der italienischen Regierung gewesen. Im Dezember 1873 wurde Ludwig Graf Paar zum Botschafter am Vatikan ernannt, der diesen Posten bis 1888 innehatte. is) Rom, IX, 22 D.

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