Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

324 Friedrich Engel-Janosi Jesuiten gehört haben sollen, verlangte einen solchen Schritt10); die Er­fahrungen von, die Erinnerungen an Gaeta wirkten eher dahin, von dem Entschluß einer neuerlichen Exilierung abzuhalten; wie sehr hatte sich auch das Kräfteverhältnis der Mächte seit 1849 geändert. Der Papst konnte den Wechsel nicht verkennen. „Damals waren die Mächte meiner Sache freundlich gesinnt.“ Der Papst wie der Staatssekretär hielten sich von Illusionen über ihre Lage, über die Aussichten auf Hilfe von den Mächten frei; sie wurden dadurch aber nicht geneigter, Kompromisse einzugehen, ja auch nur zu verhandeln. Im allgemeinen freilich gab man sich an der Kurie sonder­baren Erwartungen und Hoffnungen hin 11), zu denen auch das bis in den. Winter andauernde Vertrauen auf Preußen gehörte — bei dem klerikalen Publikum hat Preußen vor Österreich „eine Pferdelänge voraus“ 12). Aber bald sah man sich dem Bismarckschen Kulturkampf gegenüber und ent­setzt erklärte der Papst, daß die Zustände der Kirche in Deutschland ärger seien als die in Italien13). Damit hatte sich Pius abgefunden, daß er in der gegenwärtigen Lage auf keine bewaffnete Intervention zu seinen Gunsten rechnen konnte; aber er wollte, daß seine Sache nicht vergessen werde, daß die Mächte und die öffentliche Meinung in Wort und Schrift gegen das Unrecht, das dem Papsttum widerfahren, protestierten und kämpften, daß — ohne es zum Kampf auf dem Schlachtfeld kommen zu lassen, der Kampf der Ideen nicht zur Ruhe komme, daß die italienische Regierung nie glauben dürfe, man habe, was sie getan, vergeben oder vergessen; „daß man ihnen in Florenz sage, wie sehr man ihre Tat mißbillige, das ist schon viel“ 14). Daher die Freude der Kurie an den Kundgebungen und Pilgerfahrten, daher die am Vatikan nicht unwillkommenen Übertreibungen der Klerikalen, die um jeden Preis die römische Frage „auf der Tagesordnung halten“ wollten15 16), während die Kabinette nur allzubereit waren, auf sie zu vergessen. Daß Pius IX. in seinen Ansprachen die Gläubigen — und so auch die öster­reichischen Katholiken — zu einer grundsätzlichen Opposition gegen den Staat auf riefle), wird man nicht sagen können, es sei denn, daß man im Staat einen höchsten menschlichen Wert verkörpert sieht, wie dies aller­dings die Liberalen der 70er Jahre, nicht zuletzt auch in Österreich taten, sowie alle Gruppen, die jeden öffentlich-rechtlichen Vertrag ständig im Schatten der clausula rebus sic stantibus erblickten. Worum es dem „Gefangenen im Vatikan“ ging, war, das Gewissen der Katholiken auf der ganzen Welt für die Sache des Papsttums wach zu rufen und wach­io) Rom, VI, 1, 72; P.S. IX, 19, 76. n) Rom, IX, 28, XI, 5 A, 70. 12) Rom, P.S. XII, 2, 70; XI, 25 B, 71. 13) Rom, XI, 25 B, 71; I, 8, 74. 14) Rom, II, 24 A, 71. 15) Rom, V, 3 C; VIII, 25 A, 71. 16) So Georg Franz, Kulturkampf, München 1954, 142.

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