Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.

Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan 323 Daß auch der österreichische Gesandte sich diesem Vorgehen ohne sonder­liche Schwierigkeiten anschloß, wurde am Vatikan mit besonderer Bitter­keit vermerkt. Wenn infolge dieser Vorgänge, sagte der Staatssekretär zum Vertreter der Habsburgermonarchie, der Heilige Vater sich entschließt, Eom zu verlassen, so wird Österreich dafür im gleichen Ausmaß verant­wortlich sein, wie Italien4). Wenn auch Pius IX. selbst eine gemäßigtere Sprache führte als sein Staatssekretär, die Abreise des Papstes war nun wieder eine Möglichkeit geworden, von der man Monate hindurch sprach 5 *). Weit weniger dringend als in den 60er Jahren erneuerte Österreich sein Anbot auch 1870 und 1871, dem Papste, wenn er sich entschließe, Rom zu verlassen, ein Asyl zu gewähren8). Es wurde davon kein Gebrauch gemacht und die Stellung Trauttmansdorffs am Vatikan wurde nicht bes­ser, als Graf Beust um die Jahreswende 1870/71 den Verkauf des Palazzo Venezia, des stolzen Botschaftergebäudes, an das Königreich Italien er­wog 7). Graf Andrássy, der im Winter 1871 die Leitung der auswärtigen An­gelegenheiten übernahm, besorgte, daß ein Aufenthalt Pius IX. im Gebiete der Donaumonarchie die ohnehin schwierigen innerpolitischen Zustände noch weiter verwirren, die Opposition der Liberalen neuerdings stärken würde. Er widerrief das Anbot des Asyls nicht, aber er schränkte seinen Sinn möglichst ein. Sein Vertreter in Rom sollte an der Kurie zu bedenken geben, ob der Heilige Vater sich nicht eher nach Frankreich wenden oder auf einer der balearischen Inseln niederlassen solle. Von einem Verlassen der Ewigen Stadt sah der Minister schwere Komplikationen im Falle eines Konklaves voraus; das Entstehen eines Schima, die Wahl von Gegen­päpsten erschienen ihm als mögliche Konsequenzen8). Einer Deputation einer katholischen Organisation, die ihn im Februar 1872 zu einem neuer­lichen Anbot eines Asyls für den Papst in Österreich bestimmen wollte, weigerte er sich eine solche Erklärung zu geben9). Angesichts des hohen Alters des Papstes, der zunehmenden Krankheit Antonellis, angesichts des Umstandes, daß Pius IX. weder am 20. Sep­tember 1870, noch als die Hauptstadt des Königreichs Italien offiziell nach Rom verlegt worden war, den Entschluß zur Abreise gefaßt hatte, wurde es immer unwahrscheinlicher, daß der Papst nochmals die Ewige Stadt verlassen würde. Aber eine einflußreichere Gruppe, zu der die römischen 4) Rom, Teig. Ch. VI, 20; Bericht 20 B, 71. — Über die Übertragung der Hauptstadt vgl. die eingehende Schilderung von S. William Halperin, Italy and the Vatican at War (Chikago, 1939), 136—166. 5) Rom, VI, 24 B; Teig. VI, 28; VI, 30 A, XI, 25 C, 71. 8) Weisung Rom, X, 2, 70; IX, 22, 71. 7) Wolfsgruber, Friedrich Kardinal Schwarzenberg, Wien-Leipzig 1906—1917, III, 178 f. 8) Rom, XI, 25 B, 71; Privatschreiben nach Rom, XII, 15, 71. 9) Eduard von Wertheimer, Graf Julius Andrássy, (Stuttgart, 1913), II, 193 f. 21*

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