Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
ENGEL-JANOSI, Friedrich: Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX.
Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und dem Vatikan von der Einnahme Roms bis zum Tode Pius IX. Von Friedrich Engel-Jánosi (Washington). In einem Bericht aus den ersten Oktobertagen 1870 0 hat der österreichische Botschafter die Herbststimmung geschildert, die sich um den Papst und seinen Staatssekretär in diesen Wochen gelagert hatte; beide waren sie vereinsamt. Antonelli, gegen den sich nun von allen Seiten die heftigsten Vorwürfe richteten, behielt in seinem Umgang mit dem diplomatischen Korps die gewohnten verbindlichen Formen auch weiterhin bei. Zwei Monate später versuchte Graf Trauttmansdorff, das Ungeheuerliche des Ereignisses vom 20. September dem Ballhausplatz vor Augen zu führen1 2). Die vorhergegangenen Spoliationen, wie ungerechtfertigt sie auch gewesen, hätten nicht das Wesen des Papsttums berührt. „Die letzte Tat aber, die den Papst aller Souveränität entkleidet, rührt an den fundamentalen Charakter, vergreift sich an der freien Existenz des Papsttums und es kann keine Garantie geben, die auf solcher Basis einen dauernden und annehmbaren Zustand für das Papsttum schaffen könnte.“ Im besonderen verwarf der Botschafter das italienische Garantiegesetz; es verkenne den universellen Charakter der päpstlichen Institution. Aus dem Papste, der die Führung eines national geeinten Italien übernehmen sollte, war „der Gefangene im Vatikan“ geworden; zweiundzwanzig Jahre, nachdem man in der Hofburg in Wien ängstlich gewartet hatte, ob eine Kriegserklärung Roms gegen Österreich einlangen werde, beriet man am Ballhausplatz über die Haltung, die man einnehmen sollte, wenn aus dem Vatikan ein Ruf um Asyl eintreffen würde. Zunächst, im September 1870, schien es wahrscheinlich, daß Pius IX. wieder Rom verlassen werde; und wenn auch Trauttmansdorff berichtete, daß man — nicht zuletzt infolge des Einflusses des Staatssekretärs — „pour aujourd’hui“ entschlossen sei, in Rom zu bleiben und sich dieser Entschluß noch weiter verfestige3), so schlug die Stimmung um, als im Sommer des nächsten Jahres Rom tatsächlich zur Hauptstadt des Königreichs Italien gemacht wurde und mit der italienischen Regierung die in Florenz beglaubigten diplomatischen Vertretungen der Mächte in die Ewige Stadt übersiedelten. 1) Rom, X, 8 A, 70. 2) Rom, XII, 20, 70. 3) Rom, IX, 28, Teig. X, 14, X, 19 A, 70.